Archiv für die Kategorie „Literatur“

20
Jul

Rezension: Georgische Geschichte und georgisch-russische Beziehungen

Das Buch Philipp Ammons* bietet aufschlussreiche Einsichten, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Der Autor beabsichtigt, „die Wurzeln des russisch-georgischen Konflikts frei(zu)legen“ (9). Dieser hat bekanntlich einen erheblichen Anteil an der Verschlechterung der westlich-russischen Beziehungen seit 2004/08.**

Neben dem benannten Ziel bietet das Buch auch einen Abriss über die georgische Geschichte der Jahrhunderte, bevor beide Völker überhaupt in Kontakt traten, oder zahlreiche Einsichten, wie Imperien (wie das Osmanische oder das zaristische Russland) Herrschaft über unterworfene Völker ausüben.

Die Sympathien Ammons für Georgien sind unverkennbar, er bleibt aber durchweg fair und abwägend. Der unverkennbar gelehrte Autor hat ein Buch mit vielen Vorzügen und Facetten vorgelegt, wenngleich Karten fehlen, die das Buch anschaulicher und übersichtlicher gemacht hätten.

Georgien war nach Armenien das zweite Land, in dem das Christentum (327 oder 337) Staatsreligion wurde. Georgische Gelehrte und Theologen wirkten über Jahrhunderte als Mittler zwischen Asien, Byzanz und dem Westen. Aus Georgien stammende liturgische Praktiken üben seit dem Mittelalter einen anhaltenden und starken Einfluss auf die slawischen orthodoxen Kirchen aus (30). Georgien unterhielt gleichberechtigte Beziehungen mit der byzantinischen Großmacht, was sich z.B. über viele Jahrhunderte in zahlreichen Heiratsverbindungen zwischen den Herrscherhäusern beider Länder niederschlug (25-27).

Das Kaukasusland war um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert sogar eines der bedeutendsten Reiche des Mittelalters. Kaiser Barbarossa bemühte sich, seinen Sohn mit der georgischen Königin zu vermählen. Georgien beherrschte zeitweise ein Gebiet von der Mitte der heutigen türkischen Schwarzmeerküste bis zum Kaspischen Meer, ein Vielfaches des heutigen Territoriums. Die Herrscher Georgiens ließen Münzen prägen, auf denen sie sich als „König der Könige“ oder „Schwert des Messias“ bezeichneten (31/32).

Seit dem Mongoleneinfall 1221 wurde das Land zum Spielball und Zankapfel, vom 15. bis Ende des 18. Jahrhunderts zwischen dem Osmanischen Reich und Persien (22-39). Seit dem Fall Konstantinopels (1453) war es von Europa abgeschnitten.

Bereits seit dem 16. Jahrhundert richteten sich die Hoffnungen vieler Georgier auf Russland, um ihr Land gemeinsam mit den orthodoxen Glaubensbrüdern befreien zu können (9). Die wachsende Stärke Russlands ließ diese Perspektive seit Anfang des 18. Jahrhunderts realistisch erscheinen, zahlreiche Georgier begannen dorthin zu emigrieren und machten nicht selten eine bemerkenswerte Karriere im Dienste des Zarenreichs (42-44).

Russland und Georgien gingen 1783 wechselseitige vertragliche Verpflichtungen ein, die das Zarenreich aus vielleicht nachvollziehbaren Gründen jedoch nicht erfüllen konnte. Die Perser eroberten daraufhin Georgien und nahmen eine so blutige Rache an dem in ihren Augen provokativen Frontwechsel der Georgier, dass die Bevölkerungszahl des kleinen Kaukasuslandes um die Hälfte sank (49-53).

Diese Katastrophe lasteten viele Georgier auch Russland an, das die versprochene Hilfe nicht geleistet habe. Sie waren nicht nur enttäuscht, sondern sahen sich verraten, was im historischen Bewusstsein der Georgier tiefe Wurzeln schlug (53, 56).

Georgien hatte von Russland den Status eines Vasallen mit innerer Selbstverwaltung erwartet, wie sie etwa die baltischen Provinzen Russlands oder Finnland genossen. Das Zarenreich annektierte Georgien 1802 hingegen. Der georgische Adel und die Geistlichkeit wurden unter demütigenden Umständen – von russischem Militär umstellt – zum Treueeid auf den Zaren gezwungen. Die russische Einverleibung Georgiens folgte demselben Muster wie die der zentralasiatischen muslimischen Khanate. (61, 212).

Georgien wurde unterworfen, Rebellionen wurden blutig unterdrückt. Andererseits endeten Jahrhunderte verheerender Kriege. In den Städten wurde für Sicherheit und die wirtschaftliche Entwicklung gesorgt, sodass sich die Bevölkerungszahl in den ersten hundert Jahren russischer Herrschaft fast vervierfachte. Die Georgier pflegten einen ausgeprägten Patriotismus und waren entschlossen, ihre Sprache zu wahren, hegten aber keinen Hass gegenüber Russland (30, 76, 90/91, 96, 115-20, 216).

Das Schema: autokratisches Imperium (Russland) gegen eine unterdrückte Nation (Georgier) ist folglich nur ein, wenngleich bedeutsamer Aspekt der zweiseitigen Beziehungen.

Der Autor zeichnet en détail nach, wie sehr unterschiedlich russische Gouverneure in den 100 Jahren nach der Eingliederung in Georgien wirkten: von repressiv-korrupt bis aufgeklärt-wohlwollend, zuletzt panslawistisch orientiert. Die kaukasischen Sprachen wurde Jahrzehnte auch als Unterrichtssprachen respektiert, seit Mitte des 19. Jahrhunderts hingegen setzte eine Reformpolitik ein, deren Leitbild nicht zuletzt der Nationalstaat nach französischem Vorbild war, sodass Minderheitensprachen einem Assimilierungsdruck ausgesetzt wurden. Nach 1882 folgte eine massiv einsetzende Russifizierung mit panslawistischer Agenda. Hiergegen erhob sich in Georgien Widerstand, dem der russische Staat teils nachgab (93). Gleichwohl blieb die Sprachenpolitik des Zarenreichs tendenziell repressiv, was sich erst im Revolutionsjahr 1905 änderte (94).

Die Revolution von 1905 brachte zumindest in Teilen Georgiens bemerkenswerte Neuerungen mit sich: Dorfversammlungen (von Männern und Frauen) traten wöchentlich zusammen, um als Volksgerichte zu fungieren, über die Einkünfte und Ausgaben der Gemeindekasse zu befinden oder über die Berufung von Lehrern zu entscheiden. Der Schulunterricht wurde nunmehr meist auf Georgisch durchgeführt. Das national-georgische Element hatte durch die Revolution von 1905 an Bedeutung gewonnen (181).

Die Sozialdemokraten, die wichtigste Partei Georgiens, wollten die Geschicke ihres Landes aber weiterhin mit dem Russlands verbinden. Hiervon rückten sie erst Ende 1917, einige Wochen nach der Oktoberrevolution, ab (150, 186/87).

Ammon diskutiert ausführlich den Konflikt um die Selbstständigkeit zwischen der georgischen und der russisch-orthodoxen Kirche. Diesem sei in der Geschichtsliteratur bislang zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden (214). Der Konflikt habe eine zentrale Rolle bei der Entfremdung der Georgier von Russland gespielt. Er zeichnet den Einzug des Kirchenlandes ausgiebig nach, sodass der russische Staat der bei weitem bedeutendste Grundeigentümer wurde. Der Gottesdienst habe vom Georgischen schrittweise zum Altkirchenslawisch wechseln müssen, Kirchennamen seien russifiziert worden. Bauern seien darum den Gottesdiensten zunehmend fern geblieben (151-179).

Bei Kriegsausbruch 1914 begaben sich georgische Patrioten nach Berlin, um Deutschland zu bewegen sich für die Selbstständigkeit Georgiens einzusetzen. Dieser Anregung hätte es nicht bedurft, denn das Deutsche Reich unternahm bereits seit Anfang August 1914 ernsthafte Versuche, von den Kriegsgegnern unterworfene Völker zum Aufstand anzustacheln. Der Aufbau einer „Georgischen Legion“ unter deutschem Kommando hatte aber nicht den gewünschten Erfolg, u.a. weil die gefangenen Soldaten weiterhin auf den russischen Zaren vereidigt waren (191).

Aber auch eine entschiedene Revolutionierungsstrategie Berlins hätte vermutlich nur eine geringe Aussicht auf Erfolg gehabt. Noch im Herbst 1917 wollten weder Georgier, noch Armenier oder Aserbaidschaner einen Abfall vom Russischen Reich propagieren (197).

Die Oktoberrevolution und die militärischen Erfolge Deutschlands gegen Russland änderten die Lage. Im Frühjahr 1918 hielten sich die Georgier an Berlin, die Aserbaidschaner an die Türken, die Armenier aber an London (197-200).

Seit dem Frühjahr 1918 begannen deutsche Truppen in Georgien zu operieren. Sie setzten sich zunächst aus ehemaligen Kriegsgefangenen der Mittelmächte sowie Kaukasusdeutschen zusammen. Im Juni 1918 wurden sie durch eine 3.000 Mann starke reguläre bayrische Einheit verstärkt.

Türkische Verbände rückten derweil auf Tiflis vor: Die Türkei zielte auf die Expansion im Kaukasusraum bis nach Zentralasien hinein. Das Deutsche Reich wiederum war selbst am Kaukasus interessiert und zeigte seit den Massakern an den Armeniern geringe Sympathien für den türkischen Verbündeten (201). Deutsche und türkische Truppen verwickelten sich in Georgien in Kämpfe gegeneinander.

Georgien erklärte sich im Mai 1918 für unabhängig, lehnte sich an Deutschland an und gewährte diesem zahlreiche Privilegien. Berlin wollte, anders als von Georgien gewünscht, aber keine Protektoratsmacht werden (201/02). Die Flagge Georgiens (S. rechts) ähnelte frappierend derjenigen des Deutschen Reichs.

Mit der Niederlage der Mittelmächte wurde die georgische Politik abrupt nationalistischer, was die russische, armenische (und deutsche) Minderheit von dem Staat entfremdete (203). (Der Rezensent fragt sich, ob das mangelnde Verständnis für die Interessen der Minderheiten, so historisch verständlich dies vielleicht sein mag, nicht auch die Geschichte Georgiens seit 1991 mit prägt.) Dabei befand sich Georgien bereits seit einigen Monaten in einem Zustand der drohenden Hungersnot und der Anarchie. Es gab bewaffnete Auseinandersetzungen mit desertierten russischen Soldaten, den regulären „weißen“ bzw. „roten“ Truppen Russlands, mit der ossetischen Minderheit, die nach Unabhängigkeit strebte und gegen die armenischen und aserbaidschanischen Nachbarn, die Gebietsansprüche erhoben (207).

Die „Rote Armee“ rückte im Frühjahr 1920 nach Aserbaidschan ein. Die gegen Deutschland siegreichen Westalliierten wollten die Unabhängigkeit Georgiens aber weiterhin nicht anerkennen, sondern setzten weiterhin auf die Wiederherstellung russischer Herrschaft, natürlich unter den „Weißen“. London und Paris mochten die Souveränität Georgiens erst anerkennen, als es bereits zu spät war, Anfang 1921 (206-08).

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich Sowjetrussland und die Türkei unter Mustafa Kemal (Atatürk) bereits geeinigt: Die Türkei konnte sich großzügig an Territorien bedienen, die Armenien im August 1920 im Vertrag von Sèvres zugesprochen worden waren, die „Rote Armee“ rückte dafür im Kaukasus weiter vor. Beide wandten sich gemeinsam gegen Georgien. Das Ende der kurzzeitigen Unabhängigkeit war besiegelt, die Souveränität wurde aber nicht von Sowjettruppen, sondern georgischen Bolschewisten beendet (208-10).

Der Autor diskutiert ausführlich die Dichtung und Literatur russischer Schriftsteller zum Kaukasus (97-125). Ammon legt eindrücklich dar, welch geradezu mystische Bedeutung Georgien für die Russen im 19. und 20. Jahrhundert besaß. Dies gilt nach meinem Eindruck in vermutlich abgeschwächtem, aber gleichwohl deutlichem Maße weiterhin. Das russische Verhältnis gegenüber Georgien ähnele dem eines Liebhabers, der enttäuscht über Undankbarkeit klage (11, 12, 13, 111). Von den enttäuschten Erwartungen der Georgier war bereits die Rede. Es gibt wohl nur selten zwei Völker, deren Verhältnis derart von emotionalen Faktoren geprägt wird.

Der Rezensent beendete die Lektüre mit dem Eindruck, viel gelernt zu haben. Zum einen an harten Fakten und zugleich an starken und vielschichtigen Gefühlslagen zwischen den beiden Völkern.

* Philipp Ammon, Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des russisch-georgischen Konflikts vom 18. Jahrhundert bis zum Ende der ersten georgischen Republik (1921), 232 S., Kitab-Verlag; Klagenfurt – Wien; 2015; 19 Euro

** S. hierzu

http://www.cwipperfuerth.de/2013/08/08/der-kaukasuskrieg-vom-august-2008-die-vorgeschichte-1-teil-2/; http://www.cwipperfuerth.de/2013/08/10/der-kaukasuskrieg-vom-august-2008-die-vorgeschichte-2-teil/; http://www.cwipperfuerth.de/2013/08/12/der-kaukasuskrieg-vom-august-2008-die-vorgeschichte-3-teil/; http://www.cwipperfuerth.de/2013/08/13/der-kaukasuskrieg-vom-august-2008-die-vorgeschichte-4-teil/; http://www.cwipperfuerth.de/2013/08/15/die-motive-der-russlands-und-georgiens-im-konflikt-um-sudossetien-und-abchasien/; http://www.cwipperfuerth.de/2013/08/18/der-krieg-vom-august-2008-2/; http://www.cwipperfuerth.de/2013/08/25/der-krieg-vom-august-2008-ein-resumee/)

Quellen der Abbildungen: Wikimedia

3
Mai

Buchempfehlung: Deutschland und Russland – wie weiter?

Die beiden Autoren sind politische Insider, dies macht ihr Buch lesenswert.

Wolfgang Gehrke ist für die Linkspartei Mitglied des Deutschen Bundestags, Christiane Reymann langjährig politisch aktiv. Das Buch ist dann besonders lesenswert, wenn über die unterschiedlichen russlandpolitischen Ansätze der deutschen Parteien berichtet wird. So schreiben die beiden Autoren ausführlich über das „Positionspapier Russland“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom Jahresende 2016, die Haltung der SPD und der Linkspartei hierzu und wiederum der Reaktion der Union auf die politische Konkurrenz (33-40). Diese höchst instruktiven und bezeichnenden Informationen von Insidern findet man sonst nicht. Ähnliches gilt für die Kontroverse im Bundestag über die Sanktionspolitik (84/85).

Die Autoren sehen Deutschland in der Russlandpolitik zu sehr auf US-Linie. Die Verantwortung für die angespannten westlich-russischen Beziehungen trage die euro-atlantische Welt (11). Hierfür nennen die Autoren zahlreiche Belege. Ihr inhaltsreiches Buch wendet sich letztlich an diejenigen, die einer Verständigungspolitik mit Russland zuneigen.

Sie beleuchten etwa die Hintergründe der deutschen Medienberichterstattung (93-110), die Geschichte Russlands in den 1990er Jahren (111ff) oder etwa die jüngste Entwicklung der Ukraine (139-68). Die innenpolitischen Schwächen, Probleme oder auch Fehlentwicklungen Russlands werden nur am Rande angesprochen (etwa 123). Ein möglicher Zusammenhang zwischen der russischen Innen- und Außenpolitik wird nicht gezogen, ja nicht einmal thematisiert. Dies wäre jedoch wünschenswert gewesen, um auf Argumente von „Russlandkritikern“ einzugehen und diese ggf. zu entkräften.

Das Buch besitzt eine ansprechende Sprache und verzichtet auf Worthülsen und Redundanzen, die in zahlreichen anderen Büchern überhand nehmen.

Vielleicht könnten die beiden Autoren in Zukunft ihre Trümpfe ausspielen und in einem weiteren Buch intensiver über die russlandpolitischen Kontroversen im Bundestag berichten – oder in ihrer Linkspartei.

 

Wolfgang Gehrke/Christiane Reymann, Deutschland und Russland – wie weiter? Der Weg aus der deutsch-russischen Krise, Berlin 2017, 9,99 €

1
Feb

Die Maiski-Tagebücher

Iwan Maiski war in den letzten Vorkriegs- und ersten Kriegsjahren sowjetischer Botschafter in Großbritannien. Die Veröffentlichung seiner Tagebücher sorgt für Aufsehen.

Seine Tagebücher bieten einen seltenen Einblick in das Innenleben der stalinistischen Sowjetunion, denn in den Säuberungswellen 1937/38 wurden fast zwei Drittel der ranghohen Diplomaten und erfahrenen Mitarbeiter des Außenministeriums getötet, nur 16%, wie Maiski, verblieben auf ihren Posten. Dieser hatte Glück: Moskau hatte Angst vor einem Ausgleich zwischen den Westmächten und Hitler-Deutschland.

Maiski täuschte wiederholt das Außenministerium in Moskau, um eine sowjetisch-britische Annäherung zu erreichen. Besondere Sympathien für die Westmächte hegte er dabei nicht. Den Versailler Vertrag bezeichnete er als „grausam und idiotisch“, ebenso wie die Nachkriegspolitik Frankreichs und Großbritanniens gegenüber Deutschland. Hitler aber, so war Maiski überzeugt, müsse mit großer Entschlossenheit und einem britisch-französisch-sowjetischen Bündnis entgegengetreten werden, ansonsten werde ein Krieg unausweichlich.

Inhalt des Tagebuchs ist aber im Grunde weniger Maiskis „Kampf gegen Hitler“, sondern sind vielmehr die Auseinandersetzungen innerhalb Großbritanniens, wie auf den Aufstieg und das Verhalten Hitler-Deutschlands reagiert werden solle, welche Ziele Hitler verfolge, ob und welche Rolle die UdSSR bei der Einhegung Deutschlands spielen solle. Daneben wird ein Bild der britischen Gesellschaft gezeichnet und einiger ihrer führenden politischen und kulturellen Repräsentanten, wie Arthur Neville Chamberlain, Winston Churchill, Robert Eden, David Lloyd George, George Bernard Shaw oder den Webbs. Es handelt sich somit um ein sowohl diplomatie- als auch kultur-/sozialgeschichtliches Buch.

Der Herausgeber schreibt, die Tagebücher stellten „viele der oft tendenziösen Geschichtsdeutungen sowohl russischer als auch westlicher Provenienz in Frage“ (15/16). Diese Deutung ist nach Ansicht des Rezensenten überspitzt. Vier durchaus bemerkenswerte Lektüre-Erkenntnisse jedoch bleiben: 1937/38 gab es zeitweise ernsthafte Aussichten auf ein britisch-französisch-sowjetisches Zusammengehen. Vorbehalte Warschaus gegen Moskau spielten eine große Rolle, dass es hierzu nicht kam. Zum zweiten gab es tatsächlich starke Indizien für den sowjetischen Eindruck, dass Frankreich und Großbritannien im Frühjahr und Sommer 1939 nicht wirklich ernsthafte Verhandlungen mit der UdSSR führten, um Hitler-Deutschland einzuhegen. Zum dritten war Moskau wiederum 1938/39 zu einem abgestimmten Vorgehen mit London und Paris bereit. Und zum vierten: Maiski hat die wiederholten britischen Warnungen seit April 1941 vor einem deutschen Überfall auf die Sowjetunion nicht ernst genommen. Seine irreführenden Berichte nach Moskau trugen dazu bei, dass der Angriff sein Land überraschte.

Fehler, vor denen kein Buch gänzlich gefeit ist, sind rar, so bspw. die irrtümliche Feststellung, am 15. März 1939 wäre die gesamte Tschechoslowakei besetzt worden (841, Fußnote 7).

Ich habe es nicht bedauert, das Buch gelesen zu haben, mag das dickleibige Werk aber nicht guten Gewissens weiter empfehlen.

6
Sep

Literaturhinweis: Putin. Innenansichten der Macht

Falls Sie ein Buch über die russische Außen-und Innenpolitik lesen wollen: Dieses kann ich Ihnen empfehlen.

Hubert Seipel ist ein erfahrener Journalist. Das Buch ist folglich als Werk eines Medienvertreters weder chronologisch noch systematisch geordnet. Seipel liefert kein umfassendes Bild, aber in einem flüssigen und oft packenden Text zahlreiche bildkräftige Schlaglichter und tiefe Einblicke.

9783455503036

Dies trifft bspw. auf den Teil des Buchs zu (S. 80-86), in dem er die Hintergründe der Vereinigung der russisch-orthodoxen Kirche mit der russischen Auslandskirche beleuchtet, die seit den 1920er Jahren getrennt waren. Diese Frage ist von großer Bedeutung für das Selbstverständnis der Russen und das Heilen der Wunden der Vergangenheit und wird in westlichen Publikationen zu selten thematisiert.

Wladimir Putin hat in den vergangenen zehn Jahren vermutlich mit keinem Deutschen so viel Zeit verbracht wie mit Seipel. Der Journalist begleitete ihn häufig auf dessen Reisen und führte intensive Gespräche und Interviews mit ihm. Das Buch ist gleichwohl keine Biographie, aber der Autor beleuchtet den Menschen Putin vielschichtiger als dies gewöhnlich geschieht. Seipel ist der Ansicht, dass die Grundzüge der russischen Innen- und Außenpolitik weniger dem Willen des Präsidenten entsprängen, dieser setze vielmehr eher vorherrschende Strömungen in Russland um.

Dmitri Medwedew erklärte als Präsident und Ministerpräsident wiederholt, die Führung soll den Stimmungen in der Bevölkerung eher folgen als diese in eine Richtung zu nötigen, die die Mehrheit ablehne. Westlich orientierte Kremlkritiker forderten hingegen, dass eine aufgeklärte Führung den Menschen eine Richtung vorgeben solle.

Seipel hält die westliche Berichterstattung für einseitig bzw. verfälschend. Hierfür bringt er zahlreiche Beispiele. Der Autor hat offensichtlich eine Mission, der Ton seines Buchs ist gleichwohl emotional nicht aufgeheizt oder etwa sarkastisch. Seipel argumentiert und hält sich emotional wohltuend zurück, gleichwohl ist spürbar, dass seine Sympathien eher auf Seiten des Kremls als bei dessen Kritikern liegen. Dies gilt insbesondere bei außenpolitischen Fragen (z.B. Syrien), aber auch für Entwicklungen innerhalb Russlands, bspw. die Gesetzgebung gegen vom Ausland finanzierte Nichtregierungsorganisationen (102-06).

In der westlichen Berichterstattung wird der Kreml meist als der Akteur dargestellt, auf den die Partner oder Kontrahenten lediglich reagieren könnten. Die Wirklichkeit ist jedoch meist vielschichtiger, was Seipel gut herausarbeitet.

Der Autor legt intensiv und wiederholt die Enthüllungen über die geradezu atemberaubenden geheimdienstlichen Aktivitäten der USA (und Großbritanniens) dar. Er schreibt ausführlich über die Person und Leistungen Edward Snowdens, den er als weltweit erster Journalist interviewte (234-42).

Die Entwicklung des deutsch-russischen Verhältnisses bildet einen Schwerpunkt des Buchs. Seipels würdigt Außenminister Frank-Walter Steinmeier und zitiert ihn wiederholt geradezu als Kronzeugen (z.B. 18). Die Ukraine, so der Bundesaußenminister, sei überfordert, wenn sie sich zwischen Europa und Russland entscheiden muss“. Diese Ansicht teile ich.

Die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht Seipel erkennbar kritischer (bspw. 35-37). Für Bundespräsident Joachim Gauck trifft dies in noch verstärktem Maße zu (z.B. 37).

 

Hubert Seipel: Putin. Innenansichten der Macht, Hoffmann und Campe, Hamburg, 462 Seiten, 22 Euro

 

22
Jan

Russische Literatur: „Sankya“

Zakhar Prilepin (geb. 1975), der Autor des Romans „Sankya“, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen russischen Autoren, vielleicht der berühmteste seiner Generation.

In den 1990er Jahren stieß er zu den „Nationalbolschewiken“, einer radikalen bis extremistischen Gruppierung mit nationalistisch-egalitär-kommunistischen Idealen, die immer wieder mit spektakulären Aktionen versuchte, die Staatsm6acht bloß zu stellen. Im Protestwinter 2011/12 waren die Nationalbolschewiken eine der tragenden Säule der Opposition gegen den Kreml.*

Prilepin ist weiterhin Mitglied der seit 2005 verbotenen Nationalbolschewiken, gleichwohl hat er zahlreiche angesehene russische Literaturpreise gewonnen, renommierte Verlage veröffentlichen seine Bücher. Er arbeitet auch als Redakteur der Oppositionszeitung „Nowaja Gazeta“.

„Sankya“ ist ein Roman, der meines Erachtens nur in Russland spielen kann, nur von einem Russen geschrieben werden konnte. In gewisser Hinsicht hätte er auch vor 120 Jahren verfasst sein können. Die russische Kritik verglich Prilepin mit dem jungen Maxim Gorki. Es ist Zusammenstellung verschiedener Charakteristika und ihr Ausmaß, die „Sankya“ „typisch Russisch“ erscheinen lassen: die Radikalität, der Anarchismus, die Bereitschaft, Schmerzen zu erleiden und zuzufügen, die Brutalität, die Zärtlichkeit und Loyalität, der Mut, die Unbesonnenheit, der sehr hohe Wert, den die Ehre spielt, die Liebe zum eigenen Land und zugleich die Verzweiflung an der Realität. Und die Sehnsucht nach Erlösung, nach einer Vision.
„Sankya“ ist fern jeder Ironie oder modischem Zynismus. Prilepin ist ernst und unbedingt. Der (auch ins Deutsche übersetzte) Roman zeichnet selbstverständlich kein umfassendes Bild der russischen Gegenwart oder der 90er Jahre. Er ist einseitig. Darstellungen der Gewalt fand ich kaum erträglich. Auch die verbreitete Hoffnungslosigkeit macht „Sankya“ zu einer schwer verdaulichen Kost. Gleichwohl empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses so sehr russischen und beeindruckenden Buchs.

 

Foto: http://zaharprilepin.ru/img/foto/fotoset/6.jpg

 

* Die Protestbewegung habe ich ausführlich analysiert, s. insbesondere http://www.cwipperfuerth.de/2012/02/21/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-i/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/02/28/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-ii-3/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/02/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-iii/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/07/382/; http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/12/umbruch-in-russland-unter-veranderten-vorzeichen-oder-sein-ende-teil-i/)