Archiv für die Kategorie „Literatur“

3
Mai

Buchempfehlung: Deutschland und Russland – wie weiter?

Die beiden Autoren sind politische Insider, dies macht ihr Buch lesenswert.

Wolfgang Gehrke ist für die Linkspartei Mitglied des Deutschen Bundestags, Christiane Reymann langjährig politisch aktiv. Das Buch ist dann besonders lesenswert, wenn über die unterschiedlichen russlandpolitischen Ansätze der deutschen Parteien berichtet wird. So schreiben die beiden Autoren ausführlich über das „Positionspapier Russland“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom Jahresende 2016, die Haltung der SPD und der Linkspartei hierzu und wiederum der Reaktion der Union auf die politische Konkurrenz (33-40). Diese höchst instruktiven und bezeichnenden Informationen von Insidern findet man sonst nicht. Ähnliches gilt für die Kontroverse im Bundestag über die Sanktionspolitik (84/85).

Die Autoren sehen Deutschland in der Russlandpolitik zu sehr auf US-Linie. Die Verantwortung für die angespannten westlich-russischen Beziehungen trage die euro-atlantische Welt (11). Hierfür nennen die Autoren zahlreiche Belege. Ihr inhaltsreiches Buch wendet sich letztlich an diejenigen, die einer Verständigungspolitik mit Russland zuneigen.

Sie beleuchten etwa die Hintergründe der deutschen Medienberichterstattung (93-110), die Geschichte Russlands in den 1990er Jahren (111ff) oder etwa die jüngste Entwicklung der Ukraine (139-68). Die innenpolitischen Schwächen, Probleme oder auch Fehlentwicklungen Russlands werden nur am Rande angesprochen (etwa 123). Ein möglicher Zusammenhang zwischen der russischen Innen- und Außenpolitik wird nicht gezogen, ja nicht einmal thematisiert. Dies wäre jedoch wünschenswert gewesen, um auf Argumente von „Russlandkritikern“ einzugehen und diese ggf. zu entkräften.

Das Buch besitzt eine ansprechende Sprache und verzichtet auf Worthülsen und Redundanzen, die in zahlreichen anderen Büchern überhand nehmen.

Vielleicht könnten die beiden Autoren in Zukunft ihre Trümpfe ausspielen und in einem weiteren Buch intensiver über die russlandpolitischen Kontroversen im Bundestag berichten – oder in ihrer Linkspartei.

 

Wolfgang Gehrke/Christiane Reymann, Deutschland und Russland – wie weiter? Der Weg aus der deutsch-russischen Krise, Berlin 2017, 9,99 €

1
Feb

Die Maiski-Tagebücher

Iwan Maiski war in den letzten Vorkriegs- und ersten Kriegsjahren sowjetischer Botschafter in Großbritannien. Die Veröffentlichung seiner Tagebücher sorgt für Aufsehen.

Seine Tagebücher bieten einen seltenen Einblick in das Innenleben der stalinistischen Sowjetunion, denn in den Säuberungswellen 1937/38 wurden fast zwei Drittel der ranghohen Diplomaten und erfahrenen Mitarbeiter des Außenministeriums getötet, nur 16%, wie Maiski, verblieben auf ihren Posten. Dieser hatte Glück: Moskau hatte Angst vor einem Ausgleich zwischen den Westmächten und Hitler-Deutschland.

Maiski täuschte wiederholt das Außenministerium in Moskau, um eine sowjetisch-britische Annäherung zu erreichen. Besondere Sympathien für die Westmächte hegte er dabei nicht. Den Versailler Vertrag bezeichnete er als „grausam und idiotisch“, ebenso wie die Nachkriegspolitik Frankreichs und Großbritanniens gegenüber Deutschland. Hitler aber, so war Maiski überzeugt, müsse mit großer Entschlossenheit und einem britisch-französisch-sowjetischen Bündnis entgegengetreten werden, ansonsten werde ein Krieg unausweichlich.

Inhalt des Tagebuchs ist aber im Grunde weniger Maiskis „Kampf gegen Hitler“, sondern sind vielmehr die Auseinandersetzungen innerhalb Großbritanniens, wie auf den Aufstieg und das Verhalten Hitler-Deutschlands reagiert werden solle, welche Ziele Hitler verfolge, ob und welche Rolle die UdSSR bei der Einhegung Deutschlands spielen solle. Daneben wird ein Bild der britischen Gesellschaft gezeichnet und einiger ihrer führenden politischen und kulturellen Repräsentanten, wie Arthur Neville Chamberlain, Winston Churchill, Robert Eden, David Lloyd George, George Bernard Shaw oder den Webbs. Es handelt sich somit um ein sowohl diplomatie- als auch kultur-/sozialgeschichtliches Buch.

Der Herausgeber schreibt, die Tagebücher stellten „viele der oft tendenziösen Geschichtsdeutungen sowohl russischer als auch westlicher Provenienz in Frage“ (15/16). Diese Deutung ist nach Ansicht des Rezensenten überspitzt. Vier durchaus bemerkenswerte Lektüre-Erkenntnisse jedoch bleiben: 1937/38 gab es zeitweise ernsthafte Aussichten auf ein britisch-französisch-sowjetisches Zusammengehen. Vorbehalte Warschaus gegen Moskau spielten eine große Rolle, dass es hierzu nicht kam. Zum zweiten gab es tatsächlich starke Indizien für den sowjetischen Eindruck, dass Frankreich und Großbritannien im Frühjahr und Sommer 1939 nicht wirklich ernsthafte Verhandlungen mit der UdSSR führten, um Hitler-Deutschland einzuhegen. Zum dritten war Moskau wiederum 1938/39 zu einem abgestimmten Vorgehen mit London und Paris bereit. Und zum vierten: Maiski hat die wiederholten britischen Warnungen seit April 1941 vor einem deutschen Überfall auf die Sowjetunion nicht ernst genommen. Seine irreführenden Berichte nach Moskau trugen dazu bei, dass der Angriff sein Land überraschte.

Fehler, vor denen kein Buch gänzlich gefeit ist, sind rar, so bspw. die irrtümliche Feststellung, am 15. März 1939 wäre die gesamte Tschechoslowakei besetzt worden (841, Fußnote 7).

Ich habe es nicht bedauert, das Buch gelesen zu haben, mag das dickleibige Werk aber nicht guten Gewissens weiter empfehlen.

6
Sep

Literaturhinweis: Putin. Innenansichten der Macht

Falls Sie ein Buch über die russische Außen-und Innenpolitik lesen wollen: Dieses kann ich Ihnen empfehlen.

Hubert Seipel ist ein erfahrener Journalist. Das Buch ist folglich als Werk eines Medienvertreters weder chronologisch noch systematisch geordnet. Seipel liefert kein umfassendes Bild, aber in einem flüssigen und oft packenden Text zahlreiche bildkräftige Schlaglichter und tiefe Einblicke.

9783455503036

Dies trifft bspw. auf den Teil des Buchs zu (S. 80-86), in dem er die Hintergründe der Vereinigung der russisch-orthodoxen Kirche mit der russischen Auslandskirche beleuchtet, die seit den 1920er Jahren getrennt waren. Diese Frage ist von großer Bedeutung für das Selbstverständnis der Russen und das Heilen der Wunden der Vergangenheit und wird in westlichen Publikationen zu selten thematisiert.

Wladimir Putin hat in den vergangenen zehn Jahren vermutlich mit keinem Deutschen so viel Zeit verbracht wie mit Seipel. Der Journalist begleitete ihn häufig auf dessen Reisen und führte intensive Gespräche und Interviews mit ihm. Das Buch ist gleichwohl keine Biographie, aber der Autor beleuchtet den Menschen Putin vielschichtiger als dies gewöhnlich geschieht. Seipel ist der Ansicht, dass die Grundzüge der russischen Innen- und Außenpolitik weniger dem Willen des Präsidenten entsprängen, dieser setze vielmehr eher vorherrschende Strömungen in Russland um.

Dmitri Medwedew erklärte als Präsident und Ministerpräsident wiederholt, die Führung soll den Stimmungen in der Bevölkerung eher folgen als diese in eine Richtung zu nötigen, die die Mehrheit ablehne. Westlich orientierte Kremlkritiker forderten hingegen, dass eine aufgeklärte Führung den Menschen eine Richtung vorgeben solle.

Seipel hält die westliche Berichterstattung für einseitig bzw. verfälschend. Hierfür bringt er zahlreiche Beispiele. Der Autor hat offensichtlich eine Mission, der Ton seines Buchs ist gleichwohl emotional nicht aufgeheizt oder etwa sarkastisch. Seipel argumentiert und hält sich emotional wohltuend zurück, gleichwohl ist spürbar, dass seine Sympathien eher auf Seiten des Kremls als bei dessen Kritikern liegen. Dies gilt insbesondere bei außenpolitischen Fragen (z.B. Syrien), aber auch für Entwicklungen innerhalb Russlands, bspw. die Gesetzgebung gegen vom Ausland finanzierte Nichtregierungsorganisationen (102-06).

In der westlichen Berichterstattung wird der Kreml meist als der Akteur dargestellt, auf den die Partner oder Kontrahenten lediglich reagieren könnten. Die Wirklichkeit ist jedoch meist vielschichtiger, was Seipel gut herausarbeitet.

Der Autor legt intensiv und wiederholt die Enthüllungen über die geradezu atemberaubenden geheimdienstlichen Aktivitäten der USA (und Großbritanniens) dar. Er schreibt ausführlich über die Person und Leistungen Edward Snowdens, den er als weltweit erster Journalist interviewte (234-42).

Die Entwicklung des deutsch-russischen Verhältnisses bildet einen Schwerpunkt des Buchs. Seipels würdigt Außenminister Frank-Walter Steinmeier und zitiert ihn wiederholt geradezu als Kronzeugen (z.B. 18). Die Ukraine, so der Bundesaußenminister, sei überfordert, wenn sie sich zwischen Europa und Russland entscheiden muss“. Diese Ansicht teile ich.

Die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht Seipel erkennbar kritischer (bspw. 35-37). Für Bundespräsident Joachim Gauck trifft dies in noch verstärktem Maße zu (z.B. 37).

 

Hubert Seipel: Putin. Innenansichten der Macht, Hoffmann und Campe, Hamburg, 462 Seiten, 22 Euro

 

22
Jan

Russische Literatur: „Sankya“

Zakhar Prilepin (geb. 1975), der Autor des Romans „Sankya“, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen russischen Autoren, vielleicht der berühmteste seiner Generation.

In den 1990er Jahren stieß er zu den „Nationalbolschewiken“, einer radikalen bis extremistischen Gruppierung mit nationalistisch-egalitär-kommunistischen Idealen, die immer wieder mit spektakulären Aktionen versuchte, die Staatsm6acht bloß zu stellen. Im Protestwinter 2011/12 waren die Nationalbolschewiken eine der tragenden Säule der Opposition gegen den Kreml.*

Prilepin ist weiterhin Mitglied der seit 2005 verbotenen Nationalbolschewiken, gleichwohl hat er zahlreiche angesehene russische Literaturpreise gewonnen, renommierte Verlage veröffentlichen seine Bücher. Er arbeitet auch als Redakteur der Oppositionszeitung „Nowaja Gazeta“.

„Sankya“ ist ein Roman, der meines Erachtens nur in Russland spielen kann, nur von einem Russen geschrieben werden konnte. In gewisser Hinsicht hätte er auch vor 120 Jahren verfasst sein können. Die russische Kritik verglich Prilepin mit dem jungen Maxim Gorki. Es ist Zusammenstellung verschiedener Charakteristika und ihr Ausmaß, die „Sankya“ „typisch Russisch“ erscheinen lassen: die Radikalität, der Anarchismus, die Bereitschaft, Schmerzen zu erleiden und zuzufügen, die Brutalität, die Zärtlichkeit und Loyalität, der Mut, die Unbesonnenheit, der sehr hohe Wert, den die Ehre spielt, die Liebe zum eigenen Land und zugleich die Verzweiflung an der Realität. Und die Sehnsucht nach Erlösung, nach einer Vision.
„Sankya“ ist fern jeder Ironie oder modischem Zynismus. Prilepin ist ernst und unbedingt. Der (auch ins Deutsche übersetzte) Roman zeichnet selbstverständlich kein umfassendes Bild der russischen Gegenwart oder der 90er Jahre. Er ist einseitig. Darstellungen der Gewalt fand ich kaum erträglich. Auch die verbreitete Hoffnungslosigkeit macht „Sankya“ zu einer schwer verdaulichen Kost. Gleichwohl empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses so sehr russischen und beeindruckenden Buchs.

 

Foto: http://zaharprilepin.ru/img/foto/fotoset/6.jpg

 

* Die Protestbewegung habe ich ausführlich analysiert, s. insbesondere http://www.cwipperfuerth.de/2012/02/21/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-i/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/02/28/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-ii-3/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/02/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-iii/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/07/382/; http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/12/umbruch-in-russland-unter-veranderten-vorzeichen-oder-sein-ende-teil-i/)