Archiv für Juli 2016

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Jul

Das Leben in der russischen Provinz

In diesem Beitrag geht es um das Leben „Iwan Normalverbrauchers“ in der Provinz Pskow, im Westen Russlands.

Russland ist in 83, bzw. wenn Sewastopol und die Krim hinzugezählt werden, in 85 Regionen gegliedert. Pskow ist eine davon. Das Gebiet ist mit einer Fläche von 55.300 Quadratkilometern etwas größer als Niedersachsen oder die Schweiz und etwas kleiner als Bayern.

Ich kenne die Region recht gut, insbesondere den südlichen Teil an der weißrussischen Grenze. Dort habe ich tausende Kilometer mit dem Fahrrad zurück gelegt (s. http://www.cwipperfuerth.de/2015/09/17/mit-dem-fahrrad-in-russland-und-weissrussland-reiseeindruecke-und-empfehlungen/). In diesem Sommer werden einige hundert Kilometer hinzu kommen.

Ich zitiere ausführlich aus einem Beitrag, der in den „Russland-Analysen“ veröffentlicht wurde (http://www.laender-analysen.de/russland/archiv.php, Nr. 318, S. 17-20). Ich werde ihn nicht „einordnen“ oder „analysieren“, sondern die eindrücklichen Schilderungen einfach stehen lassen. Den Text der Russland-Analysen habe ich knapp 20% gekürzt. Ich zitiere:

 

„Die Zeitschrift und Blogger-Plattform ‚Snob‘ befragte fünf Einwohner der Region über die soziale Situation, die Wirtschaftslage und ob das Leben in den letzten Jahren wegen der Wirtschaftskrise schlechter geworden sei.

 

  1. Natalia Michajlowa, Hausfrau aus Pskow:

»In meiner Familie gibt es vier Personen: ich, mein Mann und unsere beiden Söhne, 5 und 8 Jahre alt. Nur mein Mann arbeitet; das Gehalt beträgt 25.000 pro Monat [ca. 340 Euro]. Davon gehen 14.000 für den Autokredit und rund 6.000 für die Nebenkosten der Wohnung drauf. Was übrigbleibt, haben wir zum Leben. Ob dieses Geld reicht oder nicht, ist eine abstrakte Frage. Als ich die Kinder bekam, bin ich in den Mutterschaftsurlaub gegangen. Danach habe ich meinen Kindern gesagt, dass ich wieder arbeiten möchte. Aber mein Sohn hat mir gesagt: »Warum denn? Wir haben doch alles!«

Mein Mann und ich beschweren uns nicht, haben gelernt, so zu leben. Die Wohnung haben wir mit Hilfe des [öffentlichen] Programms »Junge Familie« und des Mutterschaftszuschusses gekauft. Kleidung für die ganze Familie bekommen wir aus einer Kirche. Unsere Eltern haben ein Grundstück. Das ist die Quelle für ökologisch sauberes Obst und Gemüse. Die Nachbarn haben Kühe und Hühner – dort können wir Eier und Milchprodukte sehr hoher Qualität günstig kaufen.

Wir können uns Urlaub leisten: Im letzten Jahr bin ich mit einer Freundin und den Kindern nach Abchasien gefahren. Wir haben ein Zimmerchen am Meer für 500 Rubel [ca. 6,80 Euro] pro Nacht gemietet. Dort habe ich mit der Freundin und den fünf Kindern gelebt. Für das Essen haben wir pro Familie 25 Rubel [35 Cent] am Tag ausgegeben. Wir nahmen eine Packung Haferflocken, Graupen und aßen gut und günstig. Wir haben uns gut erholt. Die Leute, die daran gewöhnt sind, anders zu leben, würden das vielleicht schrecklich finden; für uns ist es aber normal. Wir haben so einen Monat lang Urlaub gemacht.

Der größte Anteil der Ausgaben entfällt auf Kurse für die Kinder. Der Ältere hat viele Interessen: Schach, Sport, Musikschule. Wir suchen nach kostenlosen Kursen; die gibt es aber wenig. Unsere Kinder bekommen ihre Bildung zu Hause, nicht der Sparsamkeit halber. Wir wollen, dass sie sich frei entwickeln. Für diejenigen, die viel sparen müssen,

wäre häusliche Bildung auch eine gute Lösung.

In den letzten zwei Jahren ist unser Leben nicht schlechter geworden. Als ich noch gearbeitet habe, war es natürlich einfacher. Ich möchte ein drittes Kind haben, mein Mann ist nicht sicher, dass wir uns das finanziell leisten können.

Vor kurzem sind die Sandalen unseres Jüngsten kaputtgegangen. Neue können wir uns im Moment nicht leisten. Es ist jetzt aber warm geworden, man kann draußen auch Barfuß laufen. Mein jüngerer Sohn ist oft sauer auf mich, wenn ich ihm irgendein neues Spielzeug nicht kaufen kann, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal beim Friseur war… All das hört sich wahrscheinlich komisch an. Aber so leben wir und es ist zur Normalität geworden. Unter meinen Bekannten gibt es auch niemanden, der in finanzielle Depression gerät.

Nun die Omas, die auf der Straße betteln müssen, tun einem leid. Für die Kinder, die nicht mal die teuerste medizinische Behandlung brauchen, und deren Familien trotzdem kein Geld dafür haben, ist es schrecklich. Dabei wird viel Geld z. B. für große Feiern und grandiose Feuerwerke am Tag des Sieges ausgegeben. Die Wirtschaft steckt in der

Krise, das spürt man. Aber nicht, weil das im Fernsehen gesagt wird, sondern weil die Arbeitslosigkeit gestiegen ist, Rentner nur mickrige Renten bekommen, die Preise für Lebensmittel und Medikamenten spürbar angestiegen sind. Vielleicht sollte man öffentliche Gelder nicht für Feiern, sondern für die Bedürftigen ausgeben?«

 

  1. Tatjana Filippowa, Putzfrau, Welikije Luki:

»Ich wohne mit meiner Tochter und meinen Enkeln zusammen – es sind zwei. Ich arbeite als Putzfrau. Meine Tochter ist 25 Jahre alt, der jüngste Enkel ist vier, die älteste, Polina, ist sechs. Meine Tochter arbeitet nicht und kümmert sich um Polina zu Hause. Sie wurde mit einem Wasserkopf geboren. Als sie 8 Monate alt war, wurde bei ihr ein

Geschwür in der Nebenniere diagnostiziert. Eine Nebenniere wurde schon herausoperiert. Es gab dann aber Metastasen im Knochenmark.

Meine Tochter lebt von der Sozialhilfe für die Enkelin. Ich verdiene 9 Tausend Rubel [120 Euro]; die Sozialhilfe für Polina beträgt 19 Tausend Rubel [260 Euro], da ist die Förderung für die Pflege eines Kindes mit Behinderungen durch die Mutter schon drin. Von dieser Rente bezahlt meine Tochter die Mietwohnung und den Kindergarten für den jüngeren Enkel. Polina hat als Kind mit Behinderung eigentlich Anspruch auf eine Eigentumswohnung.

In unserer Verwaltung weiß man über die Krankheit Bescheid und man zögert die Entscheidung heraus: Sie wissen, dass Polina nicht lange leben könnte, deswegen finden sie ständig Ausreden. Selbst die Ärzte meinen, dass sie am Rande des Grabs steht. Wir kämpfen aber schon seit sechs Jahren, obwohl man Polina schon in der Entbindungsklinik »beerdigt« hat.

Wir haben ein Grundstück bekommen, wurden aber wie automatisch von der Warteliste für eine Wohnung gestrichen. Innerhalb von drei Jahren muss auf dem Grundstück zumindest ein Fundament gelegt werden. Wir haben den Mutterschaftsgutschein. Aber für 450.000 Rubel [6.150 Euro] können wir nichts bauen. Wenn wir in drei Jahren das

Fundament nicht bauen, wird uns das Grundstück wieder abgenommen.

Nur die Filiale in Welikije Luki einer Stiftung aus St. Petersburg hilft uns: Einmal pro Jahr erhalten wir 10–15.000 Tausend Rubel. Wir geben aber monatlich 7.000 Rubel für die Pflege von Polina aus. Uns unterstützen noch gewöhnliche Leute über eine Gruppe im sozialen Netzwerk »V Kontakte«. Wir kämpfen. Wir haben uns an diese Situation

gewöhnt. Was können wir sonst noch machen?

 

  1. Valentin, Korschikow aus Pskow:

»Wir sind in der Familie zu dritt: ich, meine Frau und unser vierjähriges Kind. Meine Frau unterrichtet Fremdsprachen in einem Gymnasium, ich unterrichte Informatik. Nebenberuflich verdiene ich mir etwas in dem Bereich dazu, helfe bei Webseiten.

Als wir gerade die Familie gegründet haben, wollten wir das Programm zur Unterstützung junger Familien nutzen: In unserer Region macht der Gutschein für einen Wohnungskauf 700.000 Rubel aus [ca. 9.600 Euro]. Wir hatten aber keine Möglichkeit, auf die Warteliste zu kommen. Um an dem Programm teilzunehmen, muss zunächst das

Einkommen durch die Familienmitglieder geteilt werden; und pro Person muss das dann niedriger als das Mindesteinkommen sein. Unsere Gehälter waren relativ hoch.

Ehrlich gesagt, hat mich die Wohlstands-Rangliste gewundert. Ich finde nicht, dass sich die Situation in den letzten Jahren verschlechtert hat. Niemand aus unserer Umgebung hat eine »finanzielle Depression«. Unsere Familie hat die Möglichkeit, nach Ägypten in Urlaub zu fahren, den Führerschein zu machen und ein Auto zu kaufen. Im Moment

macht die Abzahlung der Kredite den Großteil der Ausgaben aus: rund 16.000 Rubel [220 Euro] im Monat. Die Betriebskosten betragen ca. 3.500 Rubel [50 Euro]. Nach der Rangliste sieht es so aus, als ob für Familien mit Kindern nach allen anderen Ausgaben rund 500 Rubel [7 Euro] übrig blieben. Ich bin sehr erstaunt, wie sowas möglich ist. In unserer Familie bleiben in der Regel monatlich 15.000 Rubel [210 Euro] übrig.

Außerdem sieht Pskow in den letzten Jahren besser aus. In der Region gibt es viele Militärs. Ich arbeite in einer staatlichen Einrichtung und sehe deutlich, dass es am Geld mangelt. Für die Armee aber hat das Land Geld. Die Gehälter der Militärs sind ordentlich. Klar, dass sie alle auch auf Krediten sitzen. Aber ich denke, so schlimm wie in der Rangliste ist es jedenfalls nicht.«

 

  1. Jurij Strekalowskij, Sozialpädagoge, Fremdenführer aus Pskow:

»Trotz der allgemeinen Lage im Land und in der Region ist das Leben für meine Familie und auch in unserem Bekanntenkreis in den letzten Jahren nicht schlechter geworden. Meine Familie besteht aus drei Personen. Ich habe noch Kinder aus erster Ehe sowie Eltern, denen wir versuchen zu helfen. Die Eltern meiner Frau brauchen keine Unterstützung und helfen manchmal auch uns. Die Tochter trägt z. B. fast nur die Sachen, die uns Oma aus Deutschland schickt.

Ich habe mehrere Jobs: in der Rehaklinik für Alkohol- und Drogensüchtige. Dann gebe

ich noch Musikstunden. Darüber hinaus bin ich von Beruf Kulturhistoriker und mache Führungen. Meine Frau arbeitet im Theater. Sie verdient aber nur sehr wenig. Unser Gesamteinkommen beträgt rund 60.000 Rubel [820 Euro].

Das ist viel für Pskow. Laut »Rosstat« beträgt der Durchschnittslohn bei uns 14.000 Rubel. Mit unserem Einkommen konnten wir etwas ansparen. Jetzt haben wir aber eine ziemlich große Anschaffung gemacht und müssen nun die Schulden abbezahlen: rund 30.000 im Monat.

Wir wohnen in einer kleinen Wohnung im Stadtzentrum und ich habe das Gefühl, dass sich die Lebensqualität in Pskow in den letzten drei Jahren sogar verbessert hat: Es gab ernsthafte Programme zur Sanierung des städtischen Raumes. Hier kann man komfortabel wohnen, spazieren gehen; hier gibt es tolle Parkanlagen, gepflegte Flächen, Cafés.

Wir sind in einer besonderen Lage, in Grenznähe: Es ist das einzige Föderationssubjekt, das an drei Staaten grenzt: Estland, Lettland und Belarus. Früher sind wir regelmäßig in das nächste Ausland gefahren, um was zu kaufen oder zu erleben. In diesem Sommer fahren wir auf ein Festival nach Estland. Die Tickets kosten rund 70 Euro. Jetzt fängt

man langsam an, auf sowas zu achten und das Geld genauer zu zählen. Und an der Grenze wird man nun die ganze Zeit nach sanktionierten Lebensmitteln gefragt.

Ich reise beruflich ziemlich oft in Russland herum. Wenn man die Grenze zwischen den Gebieten Pskow und Nowgorod passiert, merkt man keinen Unterschied. Die allgemeine Depression ist für die meisten Regionen der emotionale Hintergrund der letzten 25 Jahre. Wie das alles 1991 begonnen hat, wie sich seitdem in der Provinz nicht besonders viel geändert hat und niemand die »fetten Jahre« und die »Jahre des Überflusses« gemerkt hat. Aber diese große Kluft wie auf der Rangliste sehe ich nicht. Viele meine Bekannten meckern wegen ihres Lebens, können sich aber dabei sowohl ein Auto leisten, als auch eine Wohnung kaufen und dann noch im Ausland Urlaub machen.

Obwohl es in Pskow nicht so schlimm aussieht, steht die Region selbst nicht so günstig da. Das ist das erste der altrussischen Gebiete, wo schon in den 1960er Jahren ein »Aussterben« begann und die Sterblichkeit über der Geburtenrate lag. Rohstoffe oder Großindustrie gibt es hier nicht. Die Grenzlage »ernährt« einen kaum, wenn man nicht an der Grenze arbeitet und keine kleinen Schmuggelgeschäfte macht.«

 

  1. Lew Schlosberg, Leiter der regionalen Parteiorganisation von »Jabloko«, Pskow:

»Auch auf der der Rangliste vom letzten Jahr war Pskow auf dem letzten Platz. Nur, dass damals 83 Regionen gezählt wurden, ohne die Krim und Sewastopol. Im Laufe des Jahres 2015 hat die Zahl der Menschen, die unterhalb des Existenzminimums leben, fast 20 Prozent erreicht; das ist jeder fünfte Einwohner des Gebiets Pskow bzw. 126.900 Personen.

Die Durchschnittsrente beträgt 11.432 Rubel [155 Euro], das ist nur 38 % mehr als das Existenzminimum. Der Durchschnittslohn liegt bei 21.455 Rubel [290 Euro].

Dem Finanzministerium zufolge liegt das Gebiet Pskow unter den Regionen des Nordwestens nach dem Anteil der öffentlichen Ausgaben pro Person auf dem letzten, dem elften Platz. Im Jahr werden 44.680 Rubel [610 Euro] pro Person für alle staatlichen und kommunalen Dienstleistungen angesetzt. Davon waren 10.480 Rubel [143 Euro] für Bildung, 1.290 Rubel [17 Euro] für Kultur, 3.350 Rubel [45 Euro] für Wohnungsinfrastruktur, 39 Rubel [50 Cent] für den Umweltschutz.

Das heißt, die allgemeine Lage des Gebiets Pskow ist ein fast völliges Fehlen von Wirtschaft. Unsere wichtigste Quelle für Finanzen ist der Staatshaushalt.

Die Eigeneinnahmen des Gebiets Pskow betragen 14 Milliarden [1,9 Milliarden Euro], alle Zuschüsse und Subventionen aus dem Staatsetat machen 9 Milliarden Rubel [1,23 Milliarden Euro] aus. Die Staatsschulden des Gebiets Pskow sind so groß wie die Einnahmen: 14 Milliarden. 45 Prozent der Haushaltseinnahmen des Gebiets Pskow entfallen auf die Einkommenssteuer der Einwohner, die mehrheitlich beim Staat arbeiten. Das ist ein künstlicher Geldkreislauf: man bekommt Gehalt, zahlt Einkommenssteuer und von der werden diese Gehälter bestritten.“