Archiv für Oktober 2015

30
Okt

Détente NOW! (English)

The „Committee on Eastern European Economic Relations“, the Social Democratic Party (SPD) and the peace movement played a crucial and indispensable role for new approaches in the East politics in the postwar decades. The old „policy of severity“ had been conducted no later than the 1960s in an impasse and deepens the division of Germany and Europe.
Currently, representatives of the SPD (which forms with the middle-right CDU/CSU the federal government), the „Eastern Committee“ and the peace movement are joining forces for peace and détente. – These are big words, but there is reason for optimism. – Ralf Stegner, deputy federal chairman of the SPD, the „Committee“ (spokesman Andreas Metz, http://www.ost-ausschuss.de/a-common-initiative-economic-associations-and-enterprises) and important NGOs (for example the „Willy Brandt Kreis“ (http://www.willy-brandt-kreis.de/ ) and „Pax Christi“ (http://www.paxchristi.de/) are joining forces.
I am glad that Ralf Stegner, leading representative of the SPD-Left and the “Committee”, a member association of the „Federation of German Industries“, is leaving aside differences of opinion and seriously going ahead, to work together for bringing rationality and realism in Russia policy. – This is not criticism thrown on SPD-Foreign Minister Frank Steinmeier. Steinmeier is under pressure from hardliners at home and abroad. The „Détente NOW“ Initiative expands the scope for a balancing policy because it brings the „hardliners“ on the defensive. First, a little bit, but then – hopefully – more and more. The initiators do not want to be content with a single action. I hope that the movement is broadening and also gaining support in other parties and NGOs. This is exactly what is needed.
The joint press release: Détente NOW! I have been involved in the formulation and support it fully.

26
Okt

Kirgisistan. Eindrücke aus Zentralasien

Kirgisistan* hat überrascht. Ich habe mich mit dem Land zwar unter politischem Aspekt beschäftigt, z.B. mit den gewaltsamen Umbrüchen von 2005 und 2010 oder den russisch-amerikanischen Rangeleien um Einfluss. Ich war auch nicht zum ersten Mal in der Region, sondern habe mich zweimal in Kasachstan aufgehalten.
Folie1
Ein persönlicher Eindruck vermittelt durch die Wirkung, die das Land und seine Bewohner ausüben, aber weitere und andere Facetten. Hiermit möchte ich Sie bekannt machen. In einem zweiten Beitrag, der in Kürze folgen wird, werden touristische Eindrücke und schöne Bilder folgen, die Sie vielleicht interessieren.
(Meine widersprüchlichen Eindrücke aus Russland finden Sie unter http://www.cwipperfuerth.de/2015/09/russland-widerspruechliche-eindruecke/)
1. Das Äußere der Menschen in Kirgisistan wirkt durch die häufig mongolisch anmutenden Gesichtszüge sehr fremd. Andererseits hatte ich in der Hauptstadt Bischkek eher den Eindruck, mich in einer zwar armen, aber doch russischen Stadt zu befinden. Zum einen aufgrund ihres Erscheinungsbilds: Die Kirgisen waren, anders als etwa die benachbarten Usbeken, bis vor wenigen Generationen Nomaden. Sämtliche Städte des Landes sind somit russische bzw. sowjetische Gründungen, die zwischen der Mitte des 19. und 20. Jahrhunderts erfolgten. Überraschender für mich aber war: Keine einzige Frau in diesem muslimischen Land war verschleiert, und die zahlreichen Frauen mit Kopftüchern (vor allem auf dem Lande), trugen sie offensichtlich nicht, um einer religiösen Botschaft Ausdruck zu verleihen, sondern weil es aufgrund der starken Sonneneinstrahlung zweckmäßig, wenn nicht geboten war. Auch die meisten Männer bedienten sich aus diesem Grund einer Kopfbedeckung.
Bischkek, eine Stadt in der Mitte Asiens wirkte deutlich europäischer auf mich als Istanbul, wo meine Tochter und ich uns auf der Rückreise dreieinhalb Tage aufhielten: In Bischkek gingen Paare gemeinsam durch die Stadt oder Parks, während dies in Istanbul eine seltene Ausnahme war. In Bischkek gab es Männer, die sich sichtbar um ihre Kinder kümmerten. Das habe ich in Istanbul nirgends gesehen. Es gab vereinzelt durchaus junge Türkinnen, die nabelfrei trugen, jedoch etwa zehnmal so viele vollverschleierte Frauen.
2. Kirgisistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Es steht beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf an 148. Stelle von 186 Ländern, zwischen Pakistan und Kamerun. So wirkt das Land jedoch nicht. Es gibt keine Elendssiedlungen, keine zerlumpten Obdachlosen, keine Bettler. Die Erklärung dieses Phänomens: In Kirgisistan, wie wohl auch den anderen Ländern Zentralasiens funktionieren die Großfamilien. Sie bieten Halt bei Krankheit und Alter – der Staat ist hierzu nicht in der Lage. Und die Sippe fordert hierfür natürlich Loyalität und Einordnung, anders könnte das System nicht funktionieren. Nicht die Interessen des Individuums stehen im Vordergrund, sondern diejenigen der Großfamilie. Das heißt auch: Der Einzelne kann sich auf die Sippe verlassen. Und sie sich auf ihn, z.B. wenn er Karriere machen sollte, dann kümmert er sich um die Seinen. Was uns also als „Vetternwirtschaft“ erscheint ist unentbehrlich, um das gesamte System funktionstüchtig zu halten.
3. Ich habe im Grunde erwartet, wiederholt nachdrücklich auf die Präsenz des übermächtigen Nachbarn China gestoßen zu werden. Beispielsweise durch Werbetafeln für chinesische Produkte, eine starke Präsenz chinesischer Automarken, Chinesen im Straßenbild oder etwa chinesische Sprachschulen. All dies fehlt.
Der große östliche Nachbar wird respektiert oder bewundert, geliebt aber wird er ganz und gar nicht. Hierfür gibt es drei Ursachen: Die Kirgisen haben zum ersten ein positives Bild der Sowjetunion und sind auch aus diesem Grunde ausgesprochen pro-russisch.
Folie2
Zum zweiten definieren sich die Kirgisen geradezu durch ihre Abgrenzung gegenüber China: Manas, der wichtigste kirgisische Volksheld verteidigte die Unabhängigkeit der Kirgisen gegen die Uiguren – die zwar keine Chinesen sind, aber seit Jahrhunderten zum chinesischen Staatsverband gehören.
Zum dritten hat gleichwohl ein großer Teil Kirgisistans vor der Eroberung durch das Zarenreich zu China gehört. Vergleichen wir die Karte des gegenwärtigen Zentralasien (s.o.) mit der nun folgenden Karte:
Folie3
Das Südufer des langgestreckten Balchaschsees gehörte einmal zu China, liegt jetzt jedoch einige hundert Kilometer innerhalb Kasachstans. Und der kirgisische Issyk-Kul, der sich einige hundert Kilometer direkt unterhalb des Balchaschsees befindet, lag vollständig innerhalb Chinas. Beim Vergleich der beiden Karten wird deutlich, dass sogar etwa drei Viertel des heutigen Kirgisistans zu China gehörten. China wird gefürchtet, weil zum einen mit seiner Herrschaft in früheren Zeiten kein zivilisatorischer Fortschritt verbunden war – anders als mit der russischen bzw. Sowjetherrschaft. Und zum anderen, weil es seit einigen Jahren geradezu übermächtig ist. Russland wird somit weithin als Garant der Unabhängigkeit Kirgisistans betrachtet.

*Es gibt drei gebräuchliche Namen des Landes: Kirgisien, Kirgistan und Kirgisistan. Der letztgenannte ist die offizielle deutsche Bezeichnung.

Quellenangaben:
Graphik 1: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/6/6b/Zentralasien_politisch_2010.jpg; https://en.wikipedia.org/wiki/de:Creative_Commons; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/; Autor: Sae 1962
Graphik 2: Tabelle selbst angefertigt nach: http://www.gallup.com/poll/166538/former-soviet-countries-harm-breakup.aspx

Graphik 3: https://en.wikipedia.org/wiki/de:Creative_Commons; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de; Autor: Pryaltonian

12
Okt

Entspannungspolitik JETZT!

Der „Ostausschuss der deutschen Wirtschaft“, die SPD und die Friedensbewegung spielten in den Nachkriegsjahrzehnten eine entscheidende und unentbehrliche Rolle für neue Ansätze in der Ostpolitik. Die alte „Politik der Härte“ hatte in eine Sackgasse geführt und die Spaltung Deutschlands bzw. Europas vertieft.
Derzeit schicken sich Vertreter des „Ostausschusses“, der SPD und der Friedensbewegung erneut an, ihre Kräfte für eine Friedens- und Entspannungspolitik zu bündeln. – Das sind große Worte, aber es gibt Anlass für Optimismus. – Es handelt sich um Ralf Stegner, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, den „Ostausschuss“ (in der Person seines Pressesprechers Andreas Metz), den „Willy-Brandt-Kreis“ (www.willy-brandt-kreis.de) oder etwa „Pax Christi“ (http://www.paxchristi.de/).
Ich bin froh, dass Ralf Stegner, führender Vertreter der SPD-Linken und der Ostausschuss, ein Mitgliedsverband des „Bundes der deutschen Industrie“, anderweitige Meinungsdifferenzen beiseitelassen und ernsthaft daran gehen, sich gemeinsam für mehr Vernunft und Realismus in der Russlandpolitik einzusetzen. – Dies ist keine Kritik an Außenminister Frank Steinmeier. Steinmeier steht unter der Druck von Hardlinern im In- und Ausland. Die „Entspannungspolitische Initiative“ vergrößert den Spielraum für seine ausgleichende Politik, weil sie die „Hardliner“ in die Defensive bringt. Zunächst ein bisschen, aber dann mehr und mehr. Die Initiatoren wollen es nämlich nicht bei einer einmaligen Aktion bewenden lassen. Ich hoffe, dass die Bewegung an Breite gewinnt und auch in anderen Parteien und Nichtregierungsorganisationen Unterstützung gewinnt. Genau dies wird auch angestrebt.
Die gemeinsame Presserklärung finden Sie hier: Entspannungspolitik JETZT. Ich habe an der Formulierung mitgewirkt und unterstütze sie.

8
Okt

Lesen Sie dieses Buch

Am 8.Oktober hat die weißrussische Journalistin und Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch den Literaturnobelpreis verliehen bekommen. Sie gab dies bereits vor der offiziellen Erklärung der Schwedischen Akademie über „Twitter“ bekannt.

Ich habe vor nicht allzu langer Zeit einen Menschen, den ich schätze (und der keine besonderen Bezüge zu Russland hat), gefragt, welche Bücher er empfehlen könne. Er nannte mir u.a. „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ von Alexijewitsch. Ich habe das Buch in der Bibliothek ausgeliehen. Und mochte es kaum mehr aus der Hand legen, obwohl es fast 600 Seiten umfasst.

Ich hatte ohnedies vor, Ihnen über dieses Buch zu berichten, nun ziehe ich es aus aktuellem Anlass also vor.

Inhalt sind die Eindrücke und Erlebnisse Dutzender ehemaliger Sowjetbürger, nicht nur, aber insbesondere von Russen, die von der Autorin befragt wurden. Sie selbst tritt fast nicht Erscheinung, sodass man den Eindruck hat, nacheinander vielen einzelnen Menschen bei einer sehr persönlichen Geschichte zuzuhören. Die immer eng mit politischen Entwicklungen der Sowjetunion bzw. Russlands in den vergangenen 80 Jahren verbunden ist. Kommunistische Enthusiasten und sowjetische bzw. russische Nationalisten werden gehört. Mal waren sie Amboss, mal Hammer. Häufig beides. Entschiedene Gegner des Systems kommen zu Wort. Und die unpolitischen Menschen, wie sie in allen Ländern und zu allen Zeiten überwiegen. Der russische „Otto Normalbürger“ spricht, ein Menschen, der sonst nicht gehört wird.

Die Erlebnisse sind häufig schier herzzerreißend, aber sie handeln auch von großem Mut und Liebe. Und im letzten Teil von den Wirren der 1990er Jahre und den anhaltenden Nachwirkungen der sowjetisch-russischen Geschichte. Ich habe kaum je ein solch beeindruckendes Buch gelesen und hatte den Eindruck, die Weltsicht von Russen, ihre Sprache, ja sogar ihren Humor wieder zu erkennen.

Man fühlt mit, mit den Opfern. Mit denjenigen, die trotz allem dem kommunistischen Ideal anhängen. Ja, sogar ein wenig mit den Tätern …

Es ist ein Buch über die Menschen der untergangenen UdSSR, und auch eines über das heutige Russland und die Russen. Denn derartige Erlebnisse wirken nach, mehrere Generationen. Und es ist ein Buch über den Menschen an sich, wie grauenvoll und schwach er ist, über seinen Lebenswillen und seine Größe. Und wie abhängig all dies ist von seinen Lebensumständen, seiner Zeit und seinem jeweiligen Land.

5
Okt

Radiobeitag: Syrien und Russland

2
Okt

Hörbeitrag: Syrien

Am 1. Oktober habe ich für das „Inforadio“ des RBB ein gut fünfminütiges Interview gegeben. Im Zentrum stand die aktuelle Entwicklung in Syrien. Sie finden den Beitrag hier:

(Quelle: http://mediathek.rbb-online.de/radio/Interviews-Inforadio-Besser-informier/Russland-greift-Ziele-in-Syrien-an/Inforadio/Audio-Podcast?documentId=30870604&topRessort=radio&bcastId=21929284)