Archiv für Juni 2014

23
Jun

Russland und die Sanktionen. Teil 2.

Russlands Wirtschaftsdaten waren im späten Frühjahr 2014 deutlich günstiger als zu Beginn des Jahres, trotz der zwischenzeitlich verhängten Strafmaßnahmen des Westens. (S. http://www.cwipperfuerth.de/2014/06/russland-und-die-sanktionen-teil-1/) Die Sanktionen beeinträchtigen gleichwohl die ökonomische Entwicklung. Sie könnten in Russland – und weltweit – darüber hinaus zu sehr unangenehmen Überraschungen führen:

Russische Banken sind in den vergangenen 15 Jahren zwar kräftig gewachsen, sie bleiben im internationalen Vergleich bislang jedoch wenig leistungsfähig. Russlands Bürger hatten in den 90er Jahren faktisch ihr gesamtes Erspartes verloren und haben um die Jahrtausendwende wieder bei null angefangen. Demzufolge mangelt es den Banken nicht nur an Erfahrung, sondern auch an Geld, das sie als Kredit vergeben können. Unter den 30 weltweit führenden Banken kommen 28 aus dem Westen, aber keine aus Russland. Nur zwei Kreditinstitute sind in China beheimatet. Das bedeutet: Russische Unternehmen sind genötigt, einen hohen Anteil ihres Finanzbedarfs auf ausländischen Märkten zu decken. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Zum ersten können sich Unternehmen frisches Kapital an der Börse beschaffen. Für russische Firmen sind westliche Börsen immer noch wichtiger als die heimatlichen. Börsengänge oder Kapitalerhöhungen fallen zwar nicht unter die Sanktionen, aber die Möglichkeit ihrer weiteren Verschärfung verhindert derzeit faktisch eine Kapitalbeschaffung an westlichen Börsen. Investoren und Spekulanten warten aus nachvollziehbaren Gründen ab. (S. zu diesem Thema: http://www.cwipperfuerth.de/2013/10/die-wirtschaftlichen-kosten-des-russlandbildes/)

Eine weitere Möglichkeit für größere Unternehmen, sich Geld zu verschaffen, ist die Ausgabe von Unternehmensanleihen. Hierbei gilt grundsätzlich dasselbe wie bei den Börsen.

Die dritte Möglichkeit die Finanzen aufzubessern ist ein Kredit. Schauen wir uns dieses Thema etwas genauer an:

Insgesamt schulden russische Unternehmen ausländischen Gläubigern – überwiegend aus dem Westen – etwa 600 Mrd. US-$. Diese Summe hat sich in den Jahren seit 2006 mehr als verdreifacht. Russische Unternehmen sind expandiert bzw. haben sich durch die Übernahme von Konkurrenten verschuldet. Rund 150 Mrd. US-$ haben russische Unternehmen sich selbst geliehen: Sie hatten zuvor das Geld ins Ausland an ein Tochterunternehmen mit Sitz in einem „Steuerparadies“ transferiert. Und dieses gibt daraufhin der Mutter einen „Kredit“ zu einem hohen Zinssatz, der die Steuerbelastung in Russland senkt.

Die „echten“ Auslandsschulden russischer Unternehmen belaufen sich somit auf 400 bis 450 Mrd. US-$. Französische, italienische, österreichische und US-Banken sind im Russlandgeschäft besonders stark engagiert. Erst danach folgen die deutschen Institute.

Bislang konnten die Banken diese Kredite an Fonds und Versicherungsgesellschaften weiter verkaufen. Dieses Geschäft stockt jedoch. Die Marktteilnehmer warten ab.

In diesem Sommerhalbjahr werden zwischen 50 und 100 Mrd. US-$ refinanziert werden müssen. Das heißt: Die Laufzeit der Kredite läuft ab, sodass Verhandlungen über eine eventuelle Verlängerung anstehen. Wie werden sich die westlichen Banken verhalten? Sie könnten in Anbetracht der angespannten politischen Situation aus nachvollziehbaren Motiven  zögern, Kredite zu verlängern. Oder: Sie werden zumindest deutlich höhere Zinsen verlangen, weil ihr Ausfallrisiko gestiegen ist. Diese zusätzliche Belastung werden viele bisherige Kreditnehmer nicht tragen können. Zudem ist der Umfang neuer Kreditausgaben deutlich zurück gegangen.

Westliche Banken wollen ihre Geschäftskontakte mit ihren russischen Kunden zwar nicht gefährden, aber sie sind aus durchaus nachvollziehbaren Gründen vorsichtiger und zurückhaltender geworden. Falls sich die Situation weiter zuspitzt, könnte es zu einer faktischen Kreditsperre kommen. Russische Banken aber wären nur ganz unzureichend in der Lage, westliche Kredite zu ersetzen.

Die russischen Devisenreserven belaufen sich zwar auf knapp 500 Mrd. Dollar, dazu treten erhebliche Goldreserven. Der Kreml wird vorübergehend bereit und in der Lage sein, Unternehmen, die sich aufgrund der faktischen westlichen Kreditsperre in Schwierigkeiten befinden, unter die Arme zu greifen. Aber nicht auf Dauer.

Somit könnte fraglich werden, ob die westlichen Banken ihre Kredite zurückerhalten werden. Da es sich um Summen handelt, die deutlich höher sind als etwa im Falle Griechenlands, könnte dies den Interbankenhandel lähmen, ähnlich wie zeitweise während der Euro-Schuldenkrise. Die öffentliche Hand würde einspringen müssen und/oder Zentralbanken. Die Auswirkungen könnten sowohl wirtschafts- als auch innenpolitisch (in Deutschland, dem Westen und weltweit) sehr gravierend sein. Von dem außenpolitischen Scherbenhaufen ganz zu schweigen.

12
Jun

Russland und die Sanktionen. Teil 1.

Russland schien im vergangenen Winter und Frühjahr vor einer Rezession zu stehen. Seit einigen Wochen mehren sich jedoch die Anzeichen für ein wieder anziehendes Wirtschaftswachstum. Der Kapitaltransfer ins Ausland, der im ersten Quartal 2014 bedrohliche Ausmaße angenommen hatte, ist zudem beträchtlich gesunken.

Auch der Kurs des russischen Rubels hat sich gefangen:10_рублей_банка_России_2010_г._Поворот. Zwischen Mitte Januar und Anfang März war er im Vergleich zum Euro um etwa 12 Prozent gefallen, seitdem hat er die Verluste großenteils wieder wettmachen können. (Zur Entwicklung des Rubels s. http://www.cwipperfuerth.de/2014/02/rubel-unter-druck/)

Die Devisenreserven sind dabei kaum gefallen – anders als bei der Stützung der Währung Ende 2008 – und bewegen sich auf einem international nach wie vor sehr hohen Niveau. Die russische Zentralbank betont zudem, die Stabilität des Bankensystems sei auch bei einer wesentlichen Verschärfung der westlichen Sanktionen nicht gefährdet.

Auch die Rückstufungen der Kreditwürdigkeit Russlands durch die drei großen Ratinggesellschaften haben sich nicht negativ ausgewirkt. Die führende Ratingagentur „Standard & Poor’s“ stufte die Kreditwürdigkeit zwar beispielsweise auf „BBB-“ herunter, nur eine Stufe über dem sogenannten „Ramschniveau“. Der Ausblick für das Rating ist negativ, sodass weitere Herabstufungen möglich sind.

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Die Zinsen sind mit derzeit etwa 8,7 % zwar recht hoch, aber sogar niedriger als vor den Rückstufungen. Das Vertrauen der Investoren und Spekulanten in die Objektivität der großen Ratingagenturen, die allesamt in den USA beheimatet sind, ist offensichtlich begrenzt.

Während des Höhepunkts der Eurokrise wurden den drei US-Gesellschaften auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern unfaire oder inkompetente Ratings vorgeworfen. Aus den zeitweiligen Plänen, auch diesseits des Atlantiks eine eigene große Ratingagentur auszubauen, scheint jedoch nichts zu werden.

China besitzt mit der Agentur „Dagong“ bereits eine eigene Agentur, die zu bemerkenswert anderen Einschätzungen der Kreditwürdigkeit der USA, Chinas und Russlands kommt als ihre drei übermächtigen Konkurrenten.

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Die chinesische Agentur schätzt die Kreditwürdigkeit Chinas, aber auch Russlands höher ein als diejenige der USA. Sie macht dies insbesondere am Ausmaß der Staatsverschuldung fest.

Dagong besitzt international jedoch bei weitem nicht die Bedeutung der drei großen Konkurrenten. Dies könnte sich mittelfristig jedoch ändern: China und Russland haben bei dem Staatsbesuch Präsident Putins beschlossen, auf der Basis von Dagong eine gemeinsame, international bedeutende Agentur auszubauen. Man kann sicher sein Peking und Moskau ihre Pläne nicht in der Schublade verschwinden lassen werden. Womöglich werden sich weitere Länder dem Projekt anschließen.

Fassen wir zusammen: Es ist zweifelhaft, ob der Versuch, Russland mittels Sanktionen politisch und wirtschaftlich unter Druck zu setzen, erfolgreich war. Die aktuellen Daten sprechen zumindest dagegen. Zudem fühlt sich Russland bestärkt, seine Kooperation mit China zu vertiefen. Vereint sind sie durchaus in der Lage, die Übermacht des Westens im Finanzsektor deutlich zu vermindern.

Andererseits in es jedoch denkbar, dass tausende russische Unternehmen – und somit die gesamte Wirtschaft – noch im Verlauf dieses Jahres in schwere Turbulenzen geraten könnten, selbst wenn die westlichen Strafmaßnahmen nicht verschärft werden sollten: Wegen der hohen Auslandsverschuldung russischer Unternehmen.

Dies wird in den kommenden Tagen in einem weiteren Beitrag thematisiert.

Quellenangaben:

Rubel: http://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons; http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en

Folien: http://www.welt.de/finanzen/geldanlage/article128696176/Finanzattacke-aus-Russland-und-China-auf-den-Westen.html

7
Jun

Ukraine Interview NDR

Ich empfehle Ihnen das ausführliche Interview Prof. Dr. August Pradettos, der an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg arbeitet. Sie können es unter http://media.ndr.de/progressive/2014/0527/AU-20140527-1349-0342.mp3 hören und herunterladen.