Archiv für Mai 2013

23
Mai

Das Wirtschaftswachstum der BRIC-Länder

Unter dem Kürzel „BRIC“ werden seit etwa zehn Jahren Brasilien, Russland, Indien und China zusammengefasst. Sie sind aufstrebende Wirtschaftsmächte von weltweiter Bedeutung. Zwei, nämlich Russland und China, gehören zu den Ländern mit den höchsten Außenhandelsüberschüssen, Indien weist nach den USA das größte Außenhandelsdefizit auf.

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Quelle: http://www.economist.com/node/21564225

 

Die vier Staaten wiesen in den vergangenen zehn Jahren ein Wirtschaftswachstum auf, das den weltweiten Durchschnitt weit überstieg.

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Quelle: IWF, International Monetary Fund, World Economic Outlook Database, April 2012 , in: http://www.spiegel.de/wirtschaft/goldman-sachs-banker-jim-o-neill-ueber-die-zukunft-der-brics-a-888397.html

 

Hinsichtlich der oben stehenden Tabelle möchte ich auf drei Beobachtungen besonders hinweisen: – Die bekannte Tatsache der astronomischen Wachstumsraten Chinas können wir uns an dieser Stelle sparen. –

1. Russland wies im Durchschnitt der Jahre 2003 bis 2012 ein höheres Wachstum auf als Brasilien. Dies ist bemerkenswert, denn beide Länder sind in ähnlicher Weise vom Rohstoffexport abhängig. Das größte Land Eurasiens hat aus den stark steigenden Preisen für Güter des Primärsektors zwischen 2003 und 2008 also mehr Nutzen gezogen als die Vormacht Südamerikas.

2. Die Bevölkerung Brasiliens wuchs zwischen den Jahren 2000 und 2009 um 1,3 Prozent jährlich, während die Einwohnerzahl Russlands etwa stagnierte. Dies bedeutet, das Pro-Kopf-Einkommen stieg in Russland deutlich stärker als in Brasilien.

3. Russlands Wirtschaftsleistung brach im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009/09 deutlich stärker ein als diejenige Brasiliens. Der Grund ist vermutlich psychologischer Natur: Russen konnten sich sehr gut an die langjährige Wirtschaftskrise zwischen 1989 und 1996 erinnern. Die Produktionsleistung sank in diesen letzten Jahren der UdSSR bzw. den ersten Jahren des neuen russischen Staats stärker als je zuvor ein einem anderen Land der Welt zu Friedenszeiten. Der zweite Schock war der Zusammenbruch des Rubels und die folgende tiefe Krise von 1998/99, nachdem sich noch 1997 Stabilisierungs- und Aufschwungstendenzen bemerkbar gemacht hatten. Kurz gesagt: Die Bevölkerung in Russland reagierte auf die Krise weit panischer als diejenige in anderen Staaten und verstärkte somit den Abschwung. Die russische Regierung steuerte gegen, konnte den Absturz aber nur abmildern. Eine historisch begründete Skepsis und Unsicherheit wirken fort und haben eine negative Auswirkung auf die Wirtschaftsentwicklung des Landes.

Dabei weist Russland durchaus günstige makroökonomische Daten auf, auch im Vergleich zu den anderen BRIC-Staaten, beispielsweise hinsichtlich der Staatsverschuldung:

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Quelle: The Economist, http://www.economist.com/markets/indicators/ , in: Russlandanalysen 251, S. 14

Russlands Wirtschaft bleibt aber hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Investitionsquote ist anhaltend zu niedrig, um ein höheres Wachstum zu ermöglichen.

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Quelle: The Economist, http://www.economist.com/markets/indicators/ , in: Russlandanalysen 251, S. 12

Die Voraussagen vom Januar haben sich mittlerweile für Russland als zu optimistisch herausgestellt. Im ersten Quartal dieses Jahres haben sich in einigen wichtigen Wirtschaftssektoren deutliche Wachstumsschwächen gezeigt.

Warum ist die Wirtschaftsdynamik Russlands seit einigen Jahren so verhalten? (Das Thema der Rohstofflastigkeit der russischen Wirtschaft werde ich an dieser Stelle nicht thematisieren.) Der genannte psychologische Faktor spielt auch hier eine große Rolle. Russen sind recht skeptisch, was die Zukunftsaussichten ihres Landes betrifft. Darum gibt es tendenziell größere Bedenken, Kapital durch Investitionen langfristig zu binden als in anderen Ländern. Optimisten – oder vielleicht gar Realisten? – könnten hier in den kommenden Jahren eine Veränderung erwarten. Letztlich handelt es sich jedoch um eine langfristig wirkenden Faktor.

Das Wachstum könnte jedoch deutlich an Fahrt gewinnen:

1. Wenn mehr Konkurrenz ermöglicht wird:

Nehmen wir das Beispiel der geradezu grotesk überhöhten Preise für Immobilien in den großen Zentren des Landes. Sie führen auch zu – im Vergleich zu Deutschland – hohen Einzelhandelspreisen, etwa für Kleidung. Die zentrale Ursache hierfür scheint ein Geflecht aus Immoblienentwicklern, Bauunternehmen, Teilen der Bürokratie, der politisch Verantwortlichen und der Justiz zu sein, die keine Konkurrenz aufkommen lassen. Sondern auf diese Weise Milliardengewinne einheimsen, die wiederum an anderer Stelle fehlen, wo sie womöglich für die Volkswirtschaft produktiver eingesetzt werden könnten.

Diese Überlegung leitet zu einem weiteren Faktor über.

2. Rechtsstaatlichkeit

Unternehmer und Bürger müssen wissen, dass sie ihre Rechte einklagen können. Hier sind in den vergangenen zehn Jahren durchaus bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden. Unternehmen oder Bürger, die sich in einem Steuerstreit mit dem Staat befinden, tragen vor Gericht in der Mehrzahl der Fälle den Sieg davon. Gleichwohl ist offensichtlich, dass Amigo-Netzwerke sich die Justiz in wichtigen Fällen zunutze machen können und vermutlich tausende Menschen unschuldig in Gefängnissen sitzen.

Derzeit wird eine Amnestie für Inhaftierte diskutiert, die aufgrund von Wirtschaftsvergehen einsitzen. Ihre Realisierung wäre ein wichtiges Signal.

Das Wirtschaftsmodell „Eine-Hand-wäscht-die-andere“ hat einige Jahre funktioniert. Nicht ideal, aber funktioniert – wenn man von den „menschlichen Kosten“ absieht, die diejenigen zu tragen hatten, die keine Insider waren. Das bisherige russische Wachstumsmodell scheint sich aber überlebt zu haben. Das Land und die Menschen brauchen frischen Wind. Zumindest in den beiden oben genannten Bereichen.

22
Mai

Kurzer Kommentar

Am 22. Mai ist ein kurzes Interview von mir in der „Nordwest-Zeitung“ gedruckt worden. Die Zeitung erscheint in Oldenburg mit einer Auflage von gut 120.000 Stück.

http://www.nwzonline.de/interview/die-opposition-hatte-zu-grosse-hoffnungen_a_6,1,2436364857.html