Archiv für September 2012

29
Sep

Die Bedeutung Russlands als Handelspartner

Im Jahre 2000 hatten die BRICS-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) einen Anteil von 4,5% an den deutschen Exporten, 2013 wird er etwa 15% betragen. Die deutsche Ausfuhr nach Russland hat sich seit 2002 verdreifacht. Sie ist somit weit schneller gestiegen als in andere Länder.

Der Export in Länder der EU und des Euroraums bleibt von hoher, aber seit Jahren deutlich sinkender Bedeutung. Während die gesamten Ausfuhren Deutschlands im ersten Halbjahr 2012 um 4,8% stiegen, wuchsen diejenigen in die 26 EU-Partnerländer um lediglich 0,7%. Hierbei schwächeln auch die Ausfuhren in die östlichen EU-Länder, die nicht der Eurozone angehören. So sanken die Exporte nach Polen im ersten Halbjahr 2012 um 3% gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Im zweiten Quartal 2012 beschleunigten sich die oben skizzierten Tendenzen. So sanken die Ausfuhren in den Euroraum um 3,1%, in die EU-Partnerländer gingen sie in ihrer Gesamtheit um 0,8% zurück. Die Ausfuhren in die übrigen Länder stiegen hingegen um 11%, nach Russland sogar um 12,5%.

(Quelle:

https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/08/PD12_298_51.html)

Der deutsche Handel mit Russland und China zeichnet sich neben den sehr hohen Wachstumsraten darüberhinaus durch eine weitere positive Besonderheit aus: Russland und China weisen gegenüber der großen Mehrzahl ihrer Partner große Handelsüberschüsse aus. Nicht jedoch gegenüber Deutschland. Deutsche Waren sind begehrt und konkurrenzfähig in diesen beiden Ländern.

Der Automobilsektor ist eine der deutschen Stärken im Austausch mit Russland. Deutsche Marken konnten ihren Marktanteil in Russland im ersten Halbjahr dieses Jahres von etwa 18% auf 20,7% steigern. Und Russland ist dabei, noch vor Deutschland der größte Automobilmarkt Europas zu werden.

24
Sep

Ein (vorläufiges) Ende der demographischen Krise Russlands?

Die Lebenserwartung eines männlichen Bürger Russlands war zu Beginn der 1960er Jahre ebenso hoch wie diejenige eines Kanadiers. In den folgenden Jahrzehnten sank jedoch die durchschnittliche Lebenserwartung eines Russen, während die Lebenszeit der Bewohner aller anderen Industrieländer, ob in Ost oder West, anstieg. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre erhöhte sich die Lebenserwartung eines männlichen Russen zeitweilig deutlich, mit dem Ende der UdSSR – und den damit zusammenhängenden schweren sozialen Verwerfungen – stürzte sie wieder ab. 1994 und 2003 wurden männliche Bürger Russlands durchschnittlich lediglich 58 Jahre alt. Die Lebenserwartung von Frauen hingegen bewegte sich zur gleichen Zeit um die 70 Jahre. Dieser Wert war im internationalen Vergleich zwar niedrig, aber nicht außergewöhnlich, anders als die Werte für die Männer.

Eine derartige demographische Katastrophe hatte es in entwickelten Ländern in Friedenszeiten seit eineinhalb Jahrhunderten nicht mehr gegeben. Die letzte derartige Tragödie ereignete sich in den 1840er Jahren, als etwa eines Drittel der Bevölkerung Irlands an den direkten oder indirekten Folgen von Mangelernährung starb. Die gesamte Insel gehörte damals zum Vereinigten Königreich, dem damals reichsten Land der Welt. Die Regierung in London hatte sich nicht für wirksame Hilfsmaßnahmen entscheiden können …

Als Ursachen des millionenfachen Sterbens in Russland werden insbesondere die Vernachlässigung des Gesundheitswesens und soziale Probleme genannt, u.a. der Alkoholmissbrauch.

Auf der anderen Seite sank Fertilität dramatisch ab. 1987 betrug die Anzahl der Geburten in der russischen Teilrepublik der UdSSR 2,5 Millionen, 2006 waren es nur 1,5 Millionen. Zwischen 1992 und 2007 wurden in Russland 12 Millionen mehr Todesfälle als Geburten verzeichnet. Die Bevölkerungszahl Russlands blieb aufgrund der Einwanderung von ethnischen Russen bzw. Bürgern anderer Nationalität aus den ehemaligen Sowjetrepubliken jedoch ungefähr stabil.

Über die demographische Katastrophe wird in Russland seit fast zwanzig Jahren intensiv öffentlich diskutiert und gestritten. Seit 2006/07 haben aufwändige Bemühungen zu einer Steigerung der Geburtenzahl bzw. einer bedeutenden Senkung der Sterblichkeit beigetragen. Es sind sehr signifikante Erfolge zu verzeichnen:

(Quelle: http://www.forbes.com/sites/markadomanis/2012/09/05/russias-demographics-continue-to-improve-natural-population-growth-likely-in-2012/)

Die Zahl der Neugeborenen stieg zwischen 2007 und 2012 um 21,2 Prozent, die Sterblichkeit verminderte sich um 11,2 Prozent. Russland dürfte in diesem Jahr zu den recht wenigen europäischen Ländern zählen, in denen die Zahl der Geburten höher liegt als diejenige der Todesfälle. Die erwartete Lebensdauer bei Neugeborenen (Jungen und Mädchen) betrug 2006 unter 67 Jahren, 1960 war sie bereits ebenso hoch gewesen. 2011 erreichte sie schätzungsweise 70,3 Jahre.

Die Indikatoren deuten zudem darauf hin, dass sich Russland nach Jahrzehnten eines permanenten Ausnahmezustands im Hinblick auf die sogenannten „äußeren Faktoren“ der Sterblichkeit in Richtung des europäischen Durchschnitts hin bewegt.

 

(Quelle: http://www.forbes.com/sites/markadomanis/2012/09/05/russias-demographics-continue-to-improve-natural-population-growth-likely-in-2012/)

Die Tendenz einer steigenden Lebenserwartung wird sich in den kommenden Jahren vermutlich fortsetzen, auf die Anzahl der Geburten wird dies womöglich nicht zutreffen. Eine erste Ursache hierfür ist, dass seit diesem Jahr Neugeborene nach neuen Kriterien registriert wurden: Bis zum Ende des vergangenen Jahres wurden nur Kinder registriert, die mindestens die siebte Lebenswoche erreicht haben, nunmehr werden auch Kinder geführt, die bei der Geburt lediglich ein Gewicht von 0,5 Kilogramm aufwiesen. Diese neue statistische Methode erhöht die Zahl der registrierten Geburten um mehrere Tausend. Viele weitere solcher statistischer Tricks stehen nicht zu Verfügung.

Relevanter für eine in den kommenden Jahren stagnierende, vielleicht sogar sinkende Geburtenzahl ist ein anderer Faktor: In den Jahren der Perestroika, also vor etwa 25 Jahren, gab es einen Babyboom. Die damals geborenen Mädchen haben als junge Mütter in den vergangenen Jahren zu einem großen Teil zu der steigenden Geburtenzahl beigetragen. In näherer Zukunft hingegen werden die in den 1990er Jahren geborenen weiblichen Bürger Russlands die Mehrzahl der Mütter stellen müssen. Es handelt sich aber um ausgesprochen geburtenschwache Jahrgänge. Selbst wenn die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau steigen wird, wird die Gesamtzahl der Geburten sinken. Aber womöglich wird es sich hierbei nur um einen kurzzeitigen Rückgang handeln.

11
Sep

Russland und Usbekistan

Usbekistan trat im Frühsommer aus der „Organisation des Vertrags für Kollektive Sicherheit“ (OVKS) aus. Der Verteidigungsorganisation gehören neben Russland noch Armenien und Weißrussland sowie die zentralasiatischen Länder Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan an.

Der Austritt Usbekistans war keine Überraschung. Das Land hält bereits seit Mitte der 1990er Jahre eine stärkere Distanz zu Russland als viele andere GUS-Länder. Taschkent zeigte, ganz im Gegensatz zu Moskau, in den Jahren um die Jahrtausendwende auch eine deutliche Bereitschaft, sich mit den Taliban Afghanistans zu einigen. Usbekistan verfügt über die meisten Einwohner und die stärkste Militärmacht in der Region und wollte sich als Führungsmacht etablieren.

Lediglich in den etwa zwei Jahren nach dem Frühjahr 2005 suchte sich Usbekistan an Russland anzulehnen. Usbekistan schien in dieser Zeit innenpolitisch labil und stand außenpolitisch wegen des rücksichtslosen Eingreifens der Sicherheitsorgane in Andischan, einer Stadt im dichtbesiedelten Ferganatal, unter starker internationaler Kritik.

(http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/6/6b/Zentralasien_politisch_2010.jpg)

Russland war 2005/06 aber nicht bereit, sich so deutlich für die Sicherheit des zentralasiatischen Landes zu engagieren, wie von der verunsicherten usbekischen Führung gewünscht. In dem Maße in dem Usbekistan an innen- und außenpolitischer Sicherheit gewann, wuchsen die Meinungsunterschiede mit Russland sowie den Nachbarn Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan wieder an. Die Mitgliedschaft Usbekistans in der OVKS bedeutete folglich nicht nur eine Stärkung der Organisation, sondern behinderte verschiedentlich auch deren Entwicklung und Einsatzfähigkeit.

Gleichwohl leidet das Prestige der OVKS unter dem Austritt. Zudem mehren sich die Kontroversen zwischen Tadschikistan bzw. Kirgisistan auf der einen und Russland auf der anderen Seite. Russland verfügt in beiden Ländern über kleine, aber nur schwer zu ersetzende militärische Einrichtungen von zentraler Bedeutung. Zudem sind in Tadschikistan 7.000 russische Soldaten stationiert, das größte Auslandskontingent Russlands.

Es geht um Geld bei den Meinungsunterschieden, denn Kirgisistan und Tadschikistan wollen höhere Pachtzahlungen. Aber nicht nur. Viele russische Beobachter argwöhnen, dass die USA Russland in der Region schwächen wollen:

Im Januar 2012 hoben die USA das selbst auferlegte Verbot auf, mit Usbekistan militärisch zu kooperieren. Die Kritik an der Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern Usbekistans, die über Jahre eine zentrale Rolle eingenommen hatte, wurde deutlich leiser. Und Ende Juli 2012, bei der Anhörung des US-Senats zu Zentralasien, wurden Demokratie und Menschenrechte als Ziele der US-Politik in der Region merklich herabgestuft. Statt dessen wird die Gefahr durch den Terror betont, sowie das Ziel, die Souveränität der Länder Zentralasiens gegenüber „den Großmächten“ zu stärken. Die verantwortlichen Vertreter der USA betonten auf der Anhörung, auch nach dem für 2014 geplanten Rückzug aus Afghanistan in Zentralasien militärisch präsent bleiben zu wollen. Dauerhafte Basen sollen hingegen nicht eingerichtet werden, was russische Experten häufig anzweifeln.

Seit etwa zwei Jahren läuft der größte Teil der Logistik für die westlichen Truppen in Afghanistan über Russland und die Länder Zentralasiens. Der Transit durch Pakistan war zu unsicher geworden. Deutschland wickelt seinen Nachschub für Afghanistan bereits seit 2003 großenteils über Russland ab. 2010 waren weitere NATO-Länder bereit, auf Angebote Moskaus einzugehen. Das Transitvolumen wird in den kommenden zwei Jahren bis zum Abschluss des Abzugs deutlich ansteigen. Die nördliche Route wird weiter an Bedeutung gewinnen. Usbekistan wird aufgrund seiner Lage im Zentrum der Region sowie seiner Infrastruktur eine zentrale Rolle bei dem Rückzug aus Afghanistan spielen.

Ein großer Teil der Ausrüstung der westlichen Truppen wird in der Region verbleiben, da der Transport zu kostspielig wäre. Die Ausrüstung der Streitkräfte zentralasiatischer Länder wird in zwei Jahren folglich vermutlich zu einem beträchtlichem Teil aus westlicher Produktion kommen, bislang stammte sie fast ausnahmslos aus Russland. Es ist auch zweifelhaft, ob zentralasiatische Offiziere in Zukunft weiterhin zu einem beträchtlichen Teil in Russland ausgebildet werden, wie bislang. Der Zustrom westlichen Materials dürfte dazu führen, dass weit mehr Offiziere aus der Region einen Teil ihrer Ausbildung in NATO-Staaten erhalten als bisher.

2010 gab es Anzeichen einer sich entwickelnden Sicherheitspartnerschaft Russlands und des Westens in Zentralasien. Dies betraf auch den Kampf gegen den Drogenanbau und –schmuggel, den Russland seit Jahren nachdrücklich fordert. Aus Afghanistan stammen etwa 90% des Heroins, das auf den internationalen Markt gelangt. Knapp ein Drittel des Rauschgifts wird nach Zentralasien geschmuggelt.

(Quelle: United Nations Offi ce on Drugs and Crime Vienna: World Drug Report 2009, New York: United Nations 2009, S. 34,

http://www.unodc.org/documents/wdr/WDR_2009/WDR2009_eng_web.pdf)

Nach Angaben der UN sterben weltweit etwa 60.000 Menschen jährlich an Heroin, das aus Afghanistan stammt, darunter 20.000 in Russland und 10.000 in den Ländern des euro-atlantischen Raums. 2011 stieg die afghanische Heroinproduktion deutlich an, nachdem sie 2010 gesunken war.

Die Interessen Russlands und des Westens sind nicht deckungsgleich, weisen aber eine hohe Kongruenz auf. Die Länder Zentralasiens benötigen einen Sicherheitsanker. Russland hat in der Vergangenheit mehrfach gezögert, die damit verbundenen Aufgaben wahrzunehmen. Seit etwa ein bis zwei Jahren mehren sich die Anzeichen, dass sich dies ändern könnte. Der Westen sollte Russland hierbei keine Steine in den Weg legen. Der Westen muss ein hohes Interesse an der Entwicklung und Funktionstüchtigkeit der OVKS und der „Eurasischen Union“ besitzen. Es wird mittel- und langfristig sicher nicht der Westen sein können und wollen, der von einem Einflussverlust Russlands profitiert, sondern China. Sowohl Präsidenten Kasachstans als auch Tadschikistans haben China wiederholt als den zentralen Partner ihrer Länder bezeichnet. Eine westliche Politik, die Moskau schwächt, erhöht unsere Sicherheitsgefahren und kommt Peking zugute.