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Apr

Grenzkonflikte gefährden fragile Stabilität im nördlichen Kaukasus

In diesem Teil Russlands leben einige Dutzend Völker. Sie liegen oft mit Nachbarn im Streit um Territorien. Seit Herbst 2018 wurde eine latente Krise akut. Sie spitzt sich derzeit weiter zu.

Inguschetien wird vom größeren Nachbarn Tschetschenien seit Jahren aufgefordert, Gebiete, die tschetschenisch seien, zurück zu geben. Inguschetien bestritt die Ansprüche.[i]

Am 26. September 2018 unterschrieben die Oberhäupter der genannten russischen Teilrepubliken einen Vertrag über die genaue Festlegung des zuvor unklaren bzw. umstrittenen Grenzverlaufs sowie einen Gebietstausch.

Der Vertragstext sprach von einem „gleichwertigen Austausch unbewohnten Landes“. Das hörte sich gut an. Aber:

– Die Öffentlichkeit erfuhr über die Vereinbarung erst im Nachhinein.

– Moskau hielt sich mit Stellungnahmen zu dieser Einigung, die doch ermutigend positiv schien, auffallend zurück. War der Austausch doch nicht „gleichwertig“?

– Inguscheten haben schlechte Erfahrungen mit größeren Nachbarn gemacht. Anfang der 1990er Jahre unterlagen sie Nord-Ossetien (ebenfalls ein Teil Russlands) in einer militärischen Auseinandersetzung, die mindestens 600 Menschenleben kostete, meist Inguscheten. (Dies entspräche auf Deutschland umgerechnet  100.000 Toten.) Das umstrittene Gebiet war und ist von Inguscheten besiedelt.

Folglich setzten unmittelbar nach Bekanntwerden des Grenzvertrags Proteste in Inguschetien ein. Sie vereinten auch bisherige Gegner, z.B. die islamistischen Salafisten und die gemäßigten Sufi Muslims. Und nicht zuletzt: Alle führenden Clanführer lehnten die Grenzvereinbarung ab. Sie besitzen nach wie vor beträchtlichen Einfluss.

Das inguschetische Parlament billigte gleichwohl am 4. Oktober den Vertrag. Das Votum war jedoch durch schwerwiegende Verfahrensmängel gekennzeichnet. Zudem bestritt ein bedeutender Anteil der Parlamentarier, dass die Volksvertretung zugestimmt habe.

Nach und nach sickerte durch, dass Inguschetien etwa 266 Quadratkilometer an Tschetschenien verliert, aber nur rund zehn Quadratkilometer erhält. Das Minus entspricht etwa sieben Prozent der Fläche des kleinen „russischen Bundeslandes“. Für Deutschlands entspräche es einem Verlust Mecklenburg-Vorpommerns. Tschetschenische Sicherheitskräfte waren bereits Anfang Oktober, noch bevor der Vertrag offiziell in Kraft trat, auf ehedem inguschetischem Gebiet und schufen Fakten.

Zunehmender Widerstand

Die Zivilgesellschaft hat im Nordkaukasus in den vergangenen Jahren an Selbstbewusstsein gewonnen. Proteste gegen Missstände sind nicht selten. In Inguschetien aber erreichte ihr Ausmaß eine neue Qualität. Die Proteste wurden von der Führung Inguschetiens nicht behindert. Polizeioffiziere versahen ihre Andacht Seite an Seite mit Demonstranten, die Polizisten mit Brot und Tee versorgten. Nach Kundgebungsende wurden die Versammlungsorte von den Protestierern tadellos gesäubert. Die inguschetische Führung wurde kritisiert, dem Kreml gegenüber jedoch bekundete man seine Loyalität. Die Inguscheten bauen auf Moskau, weil sie Schutz vor den größeren kaukasischen Nachbarn benötigen. Der russische Präsident erklärte persönlich, gegen die Demonstranten dürften keine gewaltsamen Maßnahmen eingesetzt werden.

Am 16. Oktober trafen sich die Organisatoren der Kundgebungen mit dem Beauftragten Präsident Putins für den Kaukasusraum sowie einem hochrangigen Vertreter der Moskauer Präsidialadministration. Die Inguscheten verließen das Treffen sobald deutlich geworden war, dass mit Entgegenkommen nicht zu rechnen war.

Am 18. Oktober erklärte Ramzan Kadyrow vor der Volksvertretung seiner Republik: Jeder Inguschete, der ein Problem mit dem Grenzabkommen habe, solle nach Tschetschenien kommen: „Versucht auch nur einmal zu protestieren. Wir werden sehen, ob ihr lebend davonkommt.“

Am 19. Oktober kam das Oberhaupt Tschetscheniens in Begleitung einiger Dutzend Bewaffneter nach Inguschetien. Er wollte einen führenden inguschetischen Clanführer zu einer Entschuldigung aufzufordern. Er hatte Kadyrow als „Hirten“ bezeichnet. Bereits 30 Minuten nach dem Eintreffen der Tschetschenen waren 1.000 bewaffnete Inguscheten herbeigeeilt. Die beiden Kontrahenten ersuchten sich schließlich wechselseitig um Vergebung, tranken gemeinsam Tee und Kadyrow besuchte die Moschee des Dorfs für eine Andacht. Eine Woche später wiederholte sich das Muster: Der starke Mann des großen Nachbarn kam in Begleitung dutzender Bewaffneter in eine inguschetische Siedlung, um eine Entschuldigung zu erlangen, was wiederum zahllose bewaffnete Inguscheten aktivierte. Auch bei diesem Fall entspannte sich die Lage, hoch gefährlich war sie allemal. Beide Seiten erlaubten aber dem Kontrahenten sein Gesicht zu wahren und mäßigten nach diesen Vorkommnissen ihre Sprache.

In Inguschetien wurden die Kundgebungen eingestellt. Nicht etwa, weil Einschüchterung oder Resignation Einzug gehalten hatte. Sondern der Winter. Zum anderen erklärte das Verfassungsgericht der Teilrepublik den Grenzvertrag am 30. Oktober für illegal und somit nicht rechtsgültig, da laut Verfassung für Grenzänderungen eine Billigung durch eine Volksabstimmung erforderlich sei. Die Beschreitung des Rechtswegs schien somit durchaus vielversprechen.Das Gericht war von Abgeordneten des Parlaments Inguschetiens angerufen worden. Das Oberhaupt der Republik wandte sich daraufhin mit der Bitte an das Verfassungsgericht Russlands, seine Rechtsauffassung zu unterstützen.

Die Auseinandersetzungen sind noch nicht beendet, ja sie spitzen sich derzeit noch einmal zu. An dieser Stelle sollten wir aber kurz innehalten und uns die Lage in den beiden russischen Teilrepubliken anschauen:

Die innenpoltische Situation in Inguschetien

Die inguschetische Führung legte den Kundgebungen keine Steine in den Weg. Junus-bek Jewkurow, das Oberhaupt der Republik, traf sich mehrfach mit den Anführern der Proteste. Das ist in Russland und vielen anderen Ländern nicht selbstverständlich.

Der Politiker war Fallschirmjäger-General. Jewkurow wurde mit dem höchsten Orden Russlands dekoriert („Held der Russischen Föderation“), der seit 1992 lediglich 750mal verliehen wurde. Er ist sicher kein „Softi-Gutmensch“. Gleichwohl lud er bereits bei seiner Amtsübernahme 2008 Oppositionsvertreter in sein Kabinett ein. Er suchte, anders als sein Vorgänger, den Kontakt mit Vertretern der Zivilgesellschaft, auch Menschenrechtsaktivisten. Jewkurow ordnete an, die Sicherheitssperren vor den meisten öffentlichen Gebäuden zu entfernen, da man vor dem eigenen Volk keinen Schutz benötige.

Das Oberhaupt der Republik erklärte, die „Blutrache“ sei grundlegender Teil des kulturellen Erbes seines Volkes. Aber Jewkurow begann bereits direkt nach seiner Amtsübernahme zwischen zahlreichen Familien zu vermitteln, die sich teils seit Langem Blutrache geschworen hatten. Und er hatte Erfolg. Jewkurow bekämpfte mit Nachdruck die Korruption, was vermutlich Ursache eines Sprengstofanschlags war, der ihn fast das Leben kostete. Er forderte die Sicherheitskräfte dazu auf, von brutalen Verhörmethoden Abstand zu nehmen und die Anwendung von Folter ging tatsächlich spürbar zurück.

Jewkurow forderte alle staatlichen Stellen dazu auf, die verschiedenen Richtungen des Islams gleich zu behandeln, auch die radikal-islamischen „Salafisten“, mit deren Führung er sogar in einen Dialog eintrat. Der tschetschenische Amtskollege Kadyrow forderte hingegen den Tod für Salafisten.

In Tschetschenien drohte Aufständischen entweder das Ende ihres Lebens oder eine langjährige Inhaftierung. In Inguschetien hingegen konnten sie sich an eine von Jewkurow initiierte Kommission wenden, die nach Überprüfung der Umstände meist Nachsicht walten ließ. In zumindest einem Fall begab sich das Oberhaupt der Republik sogar allein und unbewaffnet in ein Haus, in dem sich ein jugendlicher Aufständischer verschanzt hatte. Er überredete ihn aufzugeben und übergab ihn der Obhut der Mutter.

Die führenden Männer der beiden nordkaukasischen Republiken waren bei der Terrorbekämpfung ähnlich erfolgreich, gingen aber sehr unterschiedlich vor.

Was uns zum großen Nachbarn Inguschetiens führt:

Zur Situation in Tschetschenien

Russland ist in 83 „Bundesländer“ untergliedert. Nur in Tschetschenien unterstehen alle Sicherheitskräfte faktisch dem Republikoberhaupt und nicht Moskau. Die Bürger haben neben den offiziellen faktisch eine weitere, informelle Steuer zu zahlen. Diese fließt in einen informellen Haushalt, der Kadyrow zur Verfügung steht.

Das Oberhaupt Tschetscheniens betreibt eine Islamisierung, die der Tradition seines Volks bislang fremd war. So hatten die Männer niemals mehrere Ehefrauen. Kadyrow jedoch ist mehrfach verheiratet und forderte die Polizisten Tschetscheniens auf, es ihm gleich zu tun.

Kadyrows Sicherheitskräfte haben dessen tschetschenische Gegner mehrfach in anderen Teilen Russlands entführt und nach Tschetschenien verschleppt. Es sieht danach aus, dass sie auch verantwortlich sind für die Ermordung des oppositionellen Politikers Boris Nemtsow auf dem „Roten Platz“ in Moskau 2015.

„Gazprom” gab Anfang 2019 an, fast 50% der russlandweit ausstehenden Gaszahlungen privater Abnehmer entfalle auf Tschetschenien. Obwohl dieses nur etwa ein Prozent der Bevölkerung Russlands zählt.

Der Handlungsspielraum Tschetscheniens bzw. Kadyrows ist beispiellos.

Was veranlasst den Kreml hierzu?

Ursache 1: Die Führung Russlands will Stabilität. Ob sie durch weiche (Jewkurow) der harte Methoden (Kadyrow) erzielt wird war nicht ausschlaggebend. Gut ist, was Erfolg hat. Im Falle gravierender und anhaltender Sicherheitsprobleme schickt der Kreml einen Statthalter in den Nordkaukasus, wie 2017 in Dagestan. Aber das war bislang die Ausnahme.

Ursache 2: Der starke Mann Tschetscheniens pflegt intensive Beziehungen in die arabische Welt. Und umgekehrt. Die muslimischen Soldaten und Polizisten Kadyrows spielten eine wichtige Rolle bei der russischen Kriegführung in Syrien. Die kriegszerstörte 1300 Jahre alte Umayyaden-Moschee in Aleppo wird mit Geldern aus  dem informellen Budget Tschetscheniens wiederaufgebaut.

Tschetschenien besitzt wegen seiner Bedeutung einen beispiellosen Handlungsspielraum. Und weil der russische Präsident Kadyrow vertraut.

Warum beschränkt sich dieser nicht darauf, seinen Gestaltungsspielraum in Tschetschenien zu wahren und außenpolitisch zu mehren?

Das Verhältnis der Brudervölker

Inguscheten und Tschetschenen sind eng verwandt. Ihre Kultur, Geschichte und die Sprachen sind nur schwer voneinander zu trennen. Zu Sowjetzeiten waren sie in einer Republik vereint, 1991 spalteten sich die Inguscheten vom „großen Bruder“ ab.

Kadyrow mischte sich wiederholt in die Innenpolitik der Nachbarrepublik ein und unterstützte einen der wichtigsten Kritiker Jewkurows. Eine derartige Einmischung in die Belange eines anderen „Bundeslandes“ ist ebenfalls beispiellos in Russland. Kadyrow legte mehrfach nahe, das religiöse Oberhaupt des kleineren Nachbarn als dem Tschetscheniens untergeordnet zu betrachten. Man könnte zu der Ansicht gelangen, die Führung Tschetscheniens strebt die Übernahme Inguschetiens an.

Kadyrow dürfte sich zudem durch seinen inguschetischen Amtskollegen provoziert fühlen. Stellt Jewkurows Führung durch Versöhnung und Dialog die tschetschenische Politik der harten Faust nicht in Frage? Zudem stellt Jewkurow nicht nur die „harte Faust“ in Frage, sondern auch Kadyrows herrschaftliche Hofhaltung: Das Oberhaupt Inguschetiens wohnt nicht etwa in einem Palast (der ihm zur Verfügung stünde), sondern in einem eher bescheidenen, gemieteten Anwesen. Der tschetschenische Kollege hat sich 2012 hingegen eine Residenz mit 64.000 Quadratmetern bauen lassen. Nach Angaben der kremlkritischen Zeitung „Nowaja Gazeta“ soll sie umgerechnet rund 150 Mio. Euro gekostet haben. Die kommt etwa gut einem Prozent der Wirtschaftleistung Tschetscheniens gleich. Deutschland wendet nur etwas mehr für seine Streitkräfte auf.

Fassen wir kurz zusammen: Die Inguscheten lehnen in ihrer überwältigenden Mehrheit den Grenzvertrag ab. Warum wurde er abgeschlossen, warum bleibt Jewkurow dabei? Er besitzt zweifelsohne großen Mut und kann – oder konnte? – als eine der bemerkenswertesten Führungspersönlichkeiten der gesamten Föderation gelten.

Warum hat Jewkurow seinen Ruf ruiniert?

Naheliegend wäre gewesen, wenn das Oberhaupt Inguschetiens mit den Clanführern und der Öffentlichkeit einen breiten Dialog über tschetschenische Ansprüche geführt hätte. Dies war der langjährige Stil von Jewkurows Politik. Man könnte sogar fast sagen: Dies ist „politique à la ingusch“. Denn auch der langjährige frühere Präsident Inguschetiens, Ruslan Auschew (s. Foto), führte in Bezug auf den Territorialkonflikt mit Nord-Ossetien einen breiten Dialog. Auschew, übrigens gleichfalls ein General, wird in Inguschetien nach wie vor geradezu verehrt.

Vielleicht hätte es auch keinen breiten Austausch geben können, sondern Jewkurows hätte vor der Vertragsunterzeichnung sagen müssen: „Landsleute, wir müssen uns einem starken und akuten Druck beugen. Jetzt. Obwohl uns das Herz blutet.“

Warum wurde das Grenzabkommen im Geheimen geschlossen? Warum ist Jewkurow in einer für ihn so untypischen Art und Weise vorgegangen? Obwohl offensichtlich war, dass die Konsequenzen für ihn selbst, Inguschetien, ja für die Stabilität des gesamten Kaukasus gravierend sein werden?

Hierüber gibt es so gut wie keine Informationen, mit einer Ausnahme:

Wasili Swetlitschni, der Stellvertretende Vorsitzende der inguschetischen Volksvertretung, erklärte Anfang April 2019 in einem Interview: Jewkurow sei von Seiten Moskaus unter enormen Druck gesetzt worden. Der politische Insider äußerte sich sehr indirekt, aber doch unmissverständlich.

Entsprach dies den Tatsachen? Oder will er einfach Moskau den Schwarzen Peter zuschieben? Warum sollte die russische Führung die Stabilität des Kaukasusraums gefährden? Oder waren Moskau die möglichen Konsequenzen nicht bewusst?

Klar ist jedoch: Die Inguscheten sind eines der russlandfreundlichsten Völker des Kaukasus, aber der Kreml hat seine schützende Hand teilweise fortgezogen. Soll Tschetschenien eine territoriale Expansion gestattet werden, damit es an anderer Stelle noch hilfreicher ist? Die Beziehungen Kadyrows mit führenden Persönlichkeiten der Monarchien am Golf sind ausgezeichnet.

Kommen wir nach dieser Beleuchtung des Umfeldes wieder auf die Chronologie zurück:

Winter 2018/19: Juristisches Tauziehen und Vermittlungsversuche

Das inguschetische Verfassungsgericht erklärte den Grenzvertrag am 30. Oktober für ungültig, das russische urteilte jedoch am 6. Dezember 2018: Die inguschetischen Kollegen hätten die Verfassung ihrer Republik falsch gedeutet. Ein Volksentscheid sei nur erforderlich, wenn die Grenzen Inguschetiens geändert würden, in diesem Fall jedoch würden sie erstmals überhaupt festgelegt. Die Oberhäupter bzw. Parlamente Inguschetiens bzw. Tschetscheniens seien somit zu dem Abkommen befugt gewesen. Eine erneute Klage gegen den Moskauer Richterspruch wurde ausgeschlossen.

Inguschetische Opponenten des Grenzabkommens argumentierten: Das oberste Verfassungsgericht habe nicht berücksichtigt dass zweifelhaft sei, ob die inguschetische Volksvertretung tatsächlich zugestimmt habe. Nach offiziellen Angaben votierten 17 Abgeordnete für den Grenzvertrag, drei dagegen, bei fünf Enthaltungen. Unmittelbar nach der offiziellen Bekanntgabe des genannten Ergebnisses hatten jedoch elf Parlamentarier eine Erklärung unterschrieben, dass sie gegen das Abkommen votiert hätten. Haben sie das tatsächlich getan oder wollten sie nach außen hin nur diesen Eindruck vermitteln?

Jewkurow und Kadyrow erklärten gemeinsam, die Entscheidung des russischen Verfassungsgerichts beende die Kontroverse um das Abkommen. Beide Republiken würden die Grenzregion gemeinsam entwickeln.

Die traditionellen Autoritäten des inguschetischen Volks, die Clanführer, handelten während der gesamten Krisenmonate besonnen und mäßigend. Ihre tschetschenischen Kollegen folgten ihnen: Am 7. Dezember 2018 schlug der tschetschenische Rat der Clans (Совет тейпов) den Inguscheten vor, die Grenzkontroverse von einem Schariagericht entscheiden zu lassen. Der „Совет тейпов“ der Inguscheten schloss sich daraufhin am 8. Dezember in einer Dringlichkeitssitzung dem Vorschlag der Tschetschenen an.

Somit wurde ein für alle Seiten gesichtswahrender Ausweg aus dem Konflikt um die Grenze gefunden. Die Inguscheten begannen, sich mit dem unvermeidlichen Territorialverlust abzufinden. Dies beendete die Krise aber noch nicht.

Anhaltende Unruhe und Anzeichen für Destabilisierung in Inguschetien

In den Wintermonaten grollte es im Untergrund, mit dem Frühjahr setzen neuerlich Massenkundgebungen ein. Am 26. März nehmen nach Behördenangaben 10.000 Menschen daran teil, die Organisatoren geben 30.000 Menschen an. Das entspäche über zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung.

Anlass war ein Gesetzentwurf der u.a. obligatorische Volksabstimmungen bei Grenzänderungen abschaffte. Jewkurow sagt, dieser Passus sei irrtümlich und unbeabsichtigt in den Entwurf geraten und zieht ihn zurück. Was den Protestierern aber nicht reicht, sie fordern seinen Rücktritt.

Am Morgen des 27. März kommt es erstmals vereinzelt zu Gewalt. Die Behörden machen hierfür die Demonstranten verantwortlich, die die Schuld aber bei der Obrigkeit sehen. Die inguschetischen Sicherheitskräfte bemühen sich, Protestierende und Kollegen, die erstmals aus anderen Teilen Russland herangebracht worden waren, zu trennen.

19 Offiziere der inguschetischen Polizei sollen sich geweigert haben, gegen den Protest vorzugehen. Sie werden aus dem Dienst entlassen. Ein Polizeibatallion mit 300 Mann wird am 27. März wegen Unbotmäßigkeit aufgelöst. Der Polizeichef und der Innenminister treten aus Protest gegen die inguschetische Führung zurück.

Ein inguschetischer Polizist könnte sich in seiner Heimat nicht mehr blicken lassen, wenn er die Hand gegen Demonstranten erhöbe. Praktisch jeder Inguschete ist mit jedem über zumindest drei Ecken verwandt. Jewkurow kann sich in dieser Krise auf die Polizei nicht verlassen. Die Bevölkerung will seinen Rücktritt.

Der mobile Internetdienst wird wiederholt eingestellt, um die Proteste zu behindern. Am 3. April werden die führenden Organisatoren der Kundgebungen verhaftet und zehn Tage inhaftiert: Sie seien verantwortlich, dass Demonstranten gewalttätig geworden seien. Auch der Vorsitzende der Rates der inguschetischen Clans muss ins Gefängnis. Bis zum 12. April folgen bis zu drei Dutzend weitere Verhaftungen. Die Staatsmacht zeigt Krallen.

Die Oppositionsführer werden aus dem Verkehr gezogen, somit aber auch diejenigen, die bislang für beispielhaft zivilisierte Proteste gesorgt haben. Könnte dies nicht zu einer Radikalisierung des Widerstands führen? Weitere Kundgebungen sind jedenfalls angekündigt.

Sowohl die Führung Inguschetiens als auch Moskau scheinen verunsichert, was zu tun ist. Wäre es zielführend, mit Härte gegen eine Bevölkerung vorzugehen, die ihren Protest in derart zivilisierter Weise zum Ausdruck bringt?

Jewkurows Autorität ist dahin. Er sit nicht zu halten. Aber wer könnte ihm nachfolgen?

In einer anderen nordkaukasischen Republik, in Kabardino-Balkarien, brachen im August 2018 ethnische Konflikte aus. Sie konnten mit der Amtsübernahme eines neuen Republikoberhaupts rasch gelöst werden. Der neue Chef war der Sohn eines früheren Präsidenten Kabardino-Balkariens. In Inguschetien jedoch mangelt es an einer respektierten politischen Dynastie. Der bereits erwähnte, hoch geachtete langjährige Präsident Ruslan Auschew hat keine Familienangehörigen in hohen Ämtern. Aus Moskauer Sicht wäre die Entsendung eines Statthalters eine Option, aber wie sollte er sich in dieser angespannten Situation Gefolgschaft sichern?

Moskau könnte den Widerstand der inguschetischen Gesellschaft brechen. Aber die politischen Kosten hierfür wären hoch. Würden die Inguscheten in diesem Fall bei ihrer traditionellen Pro-Kreml-Haltung bleiben?  Wie würden andere kleinere Kaukasusvölker reagieren, die Moskau oft als Schutzmacht gegen größere Nachbarn ansehen?

Es geht „nicht nur” um Jewkurow, sondern um die Stabilität des gesamten Nordkaukasus. Und die Autorität Moskaus.

Krise mit Eskalationspotenzial

Die Instabilität des kleinen Inguschetiens könnte auf den gesamten russischen Kaukasusraum ausstrahlen. In der Region leben über zehn Millionen Menschen, auf Dutzende Völker verteilt, wobei die folgende Karte die unübersichtliche ethnische Gemengelage noch untertreibt.

Kadyrow dürfte sich nach seinem Sieg in der Territorialfrage ermutigt fühlen, weiter vorzustoßen. Die Organisation der tschetschenischen Diaspora in Westeuropa hat sich in dieser Frage in einem beispiellosen Schritt ausdrücklich hinter Kadyrow gestellt. Obwohl die Exil-Tschetschenen Asyl erhielten, weil sie angaben, vor dem Regime in ihrer Heimat geflohen zu sein.

Die Führung Tschetscheniens hat bereits hinreichend deutlich weitere territoriale Forderungen an den kleinen Nachbarn gestellt. Und man kann mit vermehrten Interventionen in die Innenpolitik Inguschetiens rechnen.

Und der Ehreiz der Führung Tschetscheniens geht noch weiter: Sie hat bereits Ansprüche auf Grenzkorrekturen an Dagestan gestellt. Im fraglichen Gebiet war es im vergangenen Sommer bereits zu ethnischen Auseinandersetzungen zwischen dort lebenden Tschetschenen und einem der zwanzig Völker Dagestans gekommen, den Awaren.

Kadyrows Ehrgeiz könnte gesamte Region destabilisieren. Der Kaukasusraum ist ein potenziell noch viel gefährlicherer Brandherd als der Balkan.

[i] Dieser Beitrag ergänzt und aktualisiert meinen Beitrag vom Dezember 2018, s. http://www.cwipperfuerth.de/2018/12/11/eskalation-im-nordkaukasus/

Quelle der Abbildungen

Foto Jewkurow-Kadyrow: http://ingushetia.tv/photo/section.php?SECTION_ID=294

Grenzziehung: https://www.dw.com/image/45850138_303.png

Foto Auschew: https://www.youtube.com/watch?v=KfLgzFLYFX8

Völker im Kaukasus: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/33/Caucasus-ethnic_de.svg/516px-Caucasus-ethnic_de.svg.png

Nordostkaukasische Sprachen: Don-Kun, Creative Commons Attribution 3.0 Unported, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/6e/Northeast_Caucasian_languages_map_de.svg/1133px-Northeast_Caucasian_languages_map_de.svg.png

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