Archiv für August 2016

29
Aug

Ein brisantes Problem russischer Außenpolitik

Der Konflikt um Berg-Karabach bereitet Moskau seit langem großes Kopfzerbrechen. Die russisch-türkische Annäherung dürfte die gefährlichen Spannungen im Südkaukasus entschärfen.

Armenier und Aserbaidschaner sind seit Generationen verfeindet. In der zerfallenden Sowjetunion brachen alte Konflikte wieder auf. Im Februar 1988 gab es ein erstes Pogrom gegen die etwa 400.000 in Aserbaidschan lebenden Armenier. Aus dem Gebiet Berg-Karabach, das zu Aserbaidschan gehörte, aber überwiegend von Armeniern bewohnt war, wurden daraufhin tausende Aseris vertrieben. Der Konflikt spitzte sich zu, und die Moskauer Führung setzte mit gewissem ErfolgTruppen ein, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Gleichwohl kamen vermutlich hunderte Menschen ums Leben.

Ende 1991 brach die UdSSR auseinander. Der russische Präsident Boris Jelzin ordnete im April 1992 den Rückzug der russischen Truppen aus dem zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittenen Berg-Karabach an. Russland war nicht mehr bereit, Ordnungsfunktionen im Südkaukasusraum wahrzunehmen. Jelzin bat stattdessen die NATO, Truppen zu entsenden, was diese jedoch ablehnte. Die Feindseligkeiten zwischen Aserbaidschan und Armenien brachen nun in aller Härte aus. Zwischen 1992 und 1994 kamen bis zu 50.000 Menschen ums Leben. Fast alle Armenier flüchteten aus Aserbaidschan und hundertausende Aseris wurden aus Bergkarabach und den angrenzenden Gebieten, die von Armeniern besetzt wurden, vertrieben.

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Russland ging bereits während des armenisch-aserischen Krieges wieder dazu über, als Ordnungsmacht zu agieren. Moskau zwang Georgien 1993 zu einem Beitritt in die GUS, um den Landweg nach Armenien zu sichern, das Russland als unentbehrliche Schutzmacht betrachtete. Ohne die russische Präsenz wären die gewaltsamen Auseinandersetzungen womöglich noch eskaliert.

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Berg-Karabach wurde faktisch zu einem eigenen, von Armenien massiv unterstützten Staat, der von keinem Land anerkannt wird, nicht einmal von Armenien selbst. Aserbeidschan verlangt die Räumung des besetzten Territoriums, einschließlich der Rückkehr Berg-Karabachs in das eigene Staatsgebiet. Dies lehnen die Armenier ab.

Frankreich, Russland und die USA einigten sich darauf, den Konflikt gemeinsam zu lösen, aber seit 20 Jahren ohne Erfolg. Auch die Versuche der Präsidenten Wladimir Putin und Dmitri Medwedew, den Konflikt ohne Beteiligung von Paris und Washington zu lösen, schlugen fehl. Dies ist dem russischen Prestige, auf das Moskau großen Wert legt, abträglich.

Immerhin kam es mehr als 20 Jahre zu keinen großen Kampfhandlungen mehr, aber wiederholt zu Scharmützeln, bei denen insgesamt hunderte Menschen ums Leben kamen.

Aserbaidschan, das etwa dreimal so viele Einwohner wie Armenien hat, gewann seit der Jahrtausendwende aufgrund der steil ansteigenden Ölexporte und Ölpreise beträchtlich an finanziellen Möglichkeiten. Baku baute eine militärische Drohkulisse auf, um den Widersacher zu einem Nachgeben zu zwingen. 2011 überstiegen die Militärausgaben Aserbaidschans diejenigen Armeniens um das Achtfache.

2011 schien zugleich ein Angriff der USA auf den Iran denkbar. Russland fürchtete, dass Aserbaidschan in diesem Fall Armenien angreifen könnte. Russische Truppen begannen darum, nicht nur wie bislang die armenisch-türkische Grenze zu sichern, sondern auch diejenige zu Aserbaidschan. Baku sollte hierdurch von einem Angriff auf den Bündnispartner Armenien abgeschreckt werden. Andererseits wollte der Kreml die Beziehungen mit Aserbaidschan nicht belasten. Russland drang auch darum auf eine Verhandlungslösung mit dem Iran.

Der Kreml war der Ansicht, selbst erfolgreiche Luftschläge würden iranische Kernwaffen lediglich verzögern, aber nicht verhindern, falls Teheran diese tatsächlich anstrebe, was nicht sicher sei. Ein Angriff würde insbesondere den Anreiz erhöhen, Nuklearwaffen zu besitzen, um in Zukunft nicht mehr attackiert zu werden.

Nach einigen Jahren relativer Ruhe rückten im Frühjahr 2016 Truppen Aserbaidschans gegen die armenischen Einheiten im Gebiet Berg-Karabach vor, und es gab zahlreiche Tote. Baku hätte diesen Schritt ohne Rückendeckung aus Ankara nicht unternommen. Die Türkei, die die Grenze zu Armenien seit 1993 geschlossen hält, wollte nicht zuletzt Russland durch die militärischen Maßnahmen Aserbaidschans unter Druck setzen. Moskau aber sandte eine unmissverständliche Drohung an Baku, das hieraufhin zurücksteckte. Armenien ist Mitglied der russisch geführten Verteidigungsallianz „Organisation des Vertrags für Kollektive Sicherheit“. Moskau kann und will den Bündnispartner im Ernstfall nicht seinem Schicksal überlassen, sondern – nicht zuletzt mit dem Blick auf Zentralasien – als zuverlässige Ordnungsmacht gelten.

Russland strebt aber auch kooperative Beziehungen mit Aserbaidschan an, verkauft ihm sogar Waffen und hofft auf dessen Beitritt zur „Eurasischen Wirtschaftsunion“, der bislang außer Russland noch Armenien, Kasachstan, Kirgisistan und Weißrussland angehören. Auch Baku hat Interesse an guten Beziehungen mit Moskau, u.a. um das Interesse des Westens an Aserbaidschan zu erhöhen.

Erdogan und Putin einigten sich in St. Petersburg Im August 2016 auf einen trilateralen Dialog unter Hinzuziehung Aserbaidschans. Am Tag vor dem Russlandaufenthalt des türkischen Präsidenten hatte sich Putin bereits mit seinen Amtskollegen aus dem Iran und Aserbaidschan getroffen. Am Tag nach der Abreise Erdogans traf sich Putin mit dem armenischen Präsidenten.

Eine wirkliche Lösung des Konflikts um Berg-Karabach liegt noch in weiter Ferne. Aber die Aussichten auf Fortschritte im Friedensprozess sind besser als seit vielen Jahren:

  1. Russland hat seit im Frühjahr seine Position als Ordnungsmacht im Südkaukasus befestigt, was Aserbaidschan zügelt.
  2. Moskau und Ankara beginnen, in Bezug auf den armenisch-aserischen Konflikt zu kooperieren, was es seit langen Jahren nicht mehr gegeben hat.
  3. Ein westlicher Angriff auf den Iran steht seit der Einigung im Atomstreit vom Sommer 2015 nicht mehr zur Debatte, was auch die Situation auch in der Nachbarschaft des Iran beruhigt.
  4. Aserbaidschan muss seine Militärausgaben zurückfahren, da die Öleinnahmen stark gesunken sind. Die Offensive vom Frühjahr 2016 war der vermutlich letzte noch mögliche Versuch Bakus, eine militärische Überlegenheit auszuspielen.

Und Moskau entfaltet bemerkenswerte Aktivitäten von höchster Stelle, um den Konflikt um Berg-Karabach zu entschärfen. Er stand bereits mehrfach davor, auch Russland selbst in kriegerische Auseinandersetzungen zu verwickeln.

 

Quellen der Abbildungen:

Folie 1: https://commons.wikimedia.org/wiki/User:FHen; https://de.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de; https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2c/NKR_locator.png

Folie 2: http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Don-kun; http://en.wikipedia.org/wiki/de:Creative_Commons; http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de

 

22
Aug

Russland und die Türkei: Der Stand und die Aussichten

Ankara ist auf Moskau zugegangen. Dies ist aus vielfältigen Gründen für beide Länder wichtig – und nicht nur für sie.

Ende 2015 befand sich ein aus Syrien kommendes russisches Kampfflugzeug sehr kurzzeitig über türkischem Territorium. Der russische Präsident entschuldigte sich hierfür bei seinem Amtskollegen. Kurze Zeit später wiederholte sich ein ähnlicher Vorfall. Daraufhin schossen türkische Truppen die Russen ab. Ein russisches Flugzeug ging über syrischem Territorium nieder.  Es war offensichtlich, dass die Führung in Ankara ihren Piloten ein gewaltsames Vorgehen bereits im Voraus angeordnet hatte.

Das NATO-Mitglied Türkei wollte Russland massiv einschüchtern und dazu zwingen, seinen Einsatz zumindest im syrisch-türkischen Grenzgebiet einzustellen. Der dortige Widerstand gegen die Regierung in Damaskus wurde von Ankara massiv unterstützt. Die Türkei forderte darüber hinaus mit besonderem Nachdruck den Rücktritt des syrischen Präsidenten.

Moskau blieb jedoch bei seiner Luftpräsenz auch im Norden Syriens, stationierte Luftabwehrraketen in der Region und verlangte vielmehr eine offizielle Entschuldigung für den Abschuss, die Ankara verweigerte. Russland verhängte daraufhin Sanktionen. Dadurch wurden die russischen Vorwürfe in dieser Frage gegenüber dem Westen unglaubwürdig: Moskau hatte ihm gegenüber argumentiert, die verhängten, politisch motivierten Strafmaßnahmen würden die Regeln der Welthandelsorganisation verletzen. Und nun griff Russland zum gleichen Instrumentarium? Moskau kündigte darum folgerichtig im Frühjahr 2016 an, nicht gegen die Sanktionen zu klagen. Die Erfolgsaussichten wären auch gering gewesen. (Hierzu s. http://www.ostinstitut.de/de/ost_publikationen, Beitrag von Hans-Joachim Schramm.)

Die russischen Strafmaßnahmen verschärften die wirtschaftlichen Krisensymptome in der Türkei: Russland war nach Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner. Zudem brach der Tourismus ein. Die Besucherzahlen aus westlichen Ländern waren bereits aufgrund der wiederholten Terroranschläge stark zurückgegangen und nun blieben auch die Touristen aus Russland fast völlig aus. Moskau hatte Charterflüge in die Türkei untersagt.

Außerdem geriet Ankara in der Syrienfrage in eine Außenseiterposition, die Beziehungen zum Irak, Armenien, Israel und dem Iran waren bereits seit Jahren stark belastet und diejenigen mit dem Westen von Misstrauen geprägt.

Die türkische Führung befand sich erheblich unter Druck. Darum ging Präsident Erdogan auf Israel zu, v.a. aber auf Russland. Er entschuldigte sich im Juni 2016 offiziell für den Abschuss. Russland hatte der Türkei ihren Platz gezeigt. – Die russischen Sanktionen gegenüber der Türkei waren vermutlich wirkungsvoller als die westlichen gegenüber Russland. – Daraufhin erleichterte Russland Touristenflüge in die Türkei und es wurde begonnen, die Sanktionen nach und nach abzubauen.

Es gibt Berichte, dass der russische Nachrichtendienst Erdogan vor dem Putschversuch Mitte Juli gewarnt haben soll. Die Russen sollen in Syrien den Nachrichtenverkehr der Putschisten abgehört haben. Dies ist möglich, aber nicht zu verifizieren.

Sicher ist jedoch: Putin rief Erdogan kurze Zeit nach dem Umsturzversuch an, um ihm seine Unterstützung zuzusichern. Die führenden Politiker der westlichen Länder hingegen scheuten sich, den türkischen Präsidenten auch nur zu kontaktieren.

Die Atmosphäre zwischen Moskau und Ankara hatte sich spektakulär verbessert. Aus russischer Sicht sind kooperative Beziehungen mit der Türkei aus folgenden Gründen von hohem Interesse:

  1. Zahlreiche Völker Russlands und des postsowjetischen Raums sind mit den Türken verwandt, die oft erhebliche Sympathien genießen. Die wechselseitige Kooperation ist eng. Dies trifft z.B. auf die russische Teilrepublik Tartastan zu. Die turksprachigen Tataren sind mit über fünf Millionen Angehörigen das zweitgrößte Volk der Russischen Föderation.

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Oder in der Republik Moldau, die zwischen Ost und West hin- und hergerissen ist, könnten sich starken pro-russischen Sympathien der gut organisierten etwa 200.000 turksprachigen Gagausen abschwächen.

  1. Die russische Wirtschaft hat sich zwar stabilisiert, aber auf einem unzureichenden Niveau. Die Industrieproduktion bspw. hat den Stand von 2005 immer noch nicht erreicht. Sie ist sogar niedriger als 1989. Die ökonomische Situation bleibt zudem labil. Darum ist es naheliegend, die Beziehungen mit einem der wichtigsten Wirtschaftspartner wieder aufzubauen. Mitte September wird in Russland ein neues Parlament gewählt …
  2. Eine Lösung in Syrien ist nur denkbar, wenn Moskau und Ankara nicht weiterhin gegeneinander arbeiten. Angespannte russisch-türkische Beziehungen belasten zudem die wichtigen Kontakte Moskaus mit den turksprachigen Staaten Zentralasiens.
  3. Russland befindet sich in einer schwierigen außenpolitischen Situation. Konstruktive Beziehungen mit einem wichtigen Akteur sind von hohem Interesse.

(Auch Pipelines und die angespannte Situation zwischen Aserbaidschan und Armenien erfordern eine russisch-türkische Zusammenarbeit. Ich habe vor, auf diese beiden Themen ich in Kürze gesondert einzugehen.)

Anfang August empfing Präsident Erdogan erstmals einen ausländischen Staatsgast nach dem Putschversuch. Er handelte sich um seinen kasachischen Amtskollegen Nursultan Nasarbajew. Der Staatschef der turksprachigen zentralasiatischen Republik genießt einerseits große Wertschätzung  – für ihn wurde bereits vor Jahren sogar ein Denkmal in der Türkei errichtet. Zum anderen verfügt Kasachstan über ausgezeichnete Kontakte mit Russland. Nasarbajews Besuch diente der Vorbereitung von Erdogans Russlandaufenthalt, der sich fast unmittelbar nach Nasarbajews Abreise nach St. Petersburg begab, zur ersten Auslandsreise des türkischen Präsidenten nach dem Umsturzversuch.

Er bezeichnete seinen russischen Amtskollegen auf der Pressekonferenz mehrfach als „lieben Freund“, was Putin unterließ. Erdgogan sprach davon, die bilateralen Beziehungen auf ein noch höheres Niveau zu heben als vor der Krise zwischen beiden Ländern. Putin hielt sich zurück. Der Gast fand große Worte über die Perspektiven der Kooperation im Pipelinebau. Putin bremste. Beide waren sich jedoch einig, dass Russland den Bau von Atomkraftwerken in der Türkei wieder aufnehmen und verstärken sollte. Der Umfang allein eines dieser Projekte beläuft sich auf 20 Mrd. US-Dollar.

Erdgogan stellte „blühende Landschaften“ der zweiseitigen Beziehungen in Aussicht, Putin aber hielt sich zurück. Warum? Russland ist bewusst: Die Türkei wird auf absehbare Zeit im Westen verankert bleiben. Das türkische Militär, das traditionell auf den Westen ausgerichtet ist, wurde durch den Putschversuch zwar geschwächt. Die euro-atlantische Welt wird aber der attraktivere und begehrte Wunschpartner bleiben. Die Türkei wird aber weiterhin, wie bereits seit vielen Jahren, eine sehr eigene Außenpolitik betreiben, die Berlin, Brüssel und Washington immer wieder vor Probleme stellen wird. Hieran besitzt Moskau ein Interesse, zumindest solange die Beziehungen mit dem Westen derart angespannt sind.

Erdogan wollte diesen durch eine demonstrative Annäherung an Russland unter Druck setzen. Hierdurch soll der eigene Handlungsspielraum erweitert werden. Der türkische Präsident fürchtete zudem seine mögliche Isolation auf dem anstehenden G20-Gipfel in China.

Die wirtschaftliche Kooperation wird wieder aufgenommen werden. Hieran haben beide Seiten ein Interesse. Und Syrien? Erdogan hatte bereits kurz vor seinem Russlandaufenthalt erklärt: „Wir können die Krise in Syrien nur in Kooperation mit Russland lösen.“ Dies waren neue Töne, die Meinungsunterschiede zwischen Ankara und Moskau sind aber nicht gänzlich aus der Welt. Darauf deutet auch hin, dass Erdogan und Putin öffentlich wenig zum Thema Syrien sagten. An ihrem Treffen nahmen aber zahlreiche hochrangige Militärs und Mitarbeiter der Geheimdienste teil.

Beide Länder haben sich in Bezug auf Syrien deutlich angenähert. Es gibt Indizien, dass Moskau, wie von Ankara vehement gefordert, seine bereits jahrzehntelange Kooperation mit den syrischen Kurden relativiert. Diese werden auch von Washington unterstützt. Sie sind die einzigen verlässlichen nicht-extremistischen Verbündeten der USA innerhalb Syriens. Die Türkei erklärte auf der anderen Seite, wie von Moskau gefordert, das Gespräch mit der Führung in Damaskus zu suchen, was sie fünf Jahre verweigert hatte. Die Ehepaare Erdogan und Assad waren zuvor lange eng befreundet gewesen. Diese Zeit wird wohl nicht wiederkehren, aber die Türkei bleibt für Überraschungen gut.

Die Extremisten in Syrien sind die offenkundigen Verlierer der russisch-türkischen Annäherung. Daneben Saudi-Arabien und Katar, die in der Syrienfrage einen wichtigen Verbündeten verloren haben.

Und der Westen? Die russisch-türkische Annäherung illustriert eine bereits mehrjährige Tendenz: Die internationale Ordnung ist immer weniger auf die euro-atlantische Welt bezogen, wird zunehmend weniger von ihr dominiert. Andere Akteure erhöhen ihre Bedeutung und die wechselseitigen Kontakte von nicht-westlichen Ländern gewinnen an Bedeutung.

Quelle der Abbildung

https://en.wikipedia.org/wiki/User:Zaparojdik; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de; https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cb/Carte_peuples_turcs.png

17
Aug

Clinton und die russischen Hacker: Eine durchsichtige Story

Der Einbruch in den Server der US-Demokraten ist kaum vom Kreml beauftragt. Hillary Clintons Demokraten versuchen diese Spur zu legen, um von eigenen Verfehlungen abzulenken. Und der Großteil der hiesigen Presse springt darauf an.

Hacker drangen angeblich im Auftrag der russischen Regierung in das Netzwerk der „Demokratischen Partei“ der USA ein. Das berichteten westliche Medien bereits Mitte Juni. Die Story war vermutlich unzutreffend, was bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ziemlich offensichtlich war (s. http://www.cwipperfuerth.de/2016/06/18/wieder-einmal-die-russen/). Gleichwohl wurde in letzter Zeit noch einmal nachgelegt. Der Spiegel titelte: „Hillary Clintons E-Mail-GAU: Die Spur führt nach Moskau“ (http://www.spiegel.de/politik/ausland/hillary-clinton-der-e-mail-gau-und-die-spur-nach-moskau-a-1104699.html). Die „Neue Zürcher Zeitung“ äußert sich ähnlich (http://www.nzz.ch/international/praesidentschaftswahlen-usa/paukenschlag-vor-dem-demokratischen-wahlkonvent-wie-aus-einem-polit-thriller-ld.107379). Einige westliche Medien berichten ausgewogener, z.B. der britische „Guardian“ (https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/jul/25/russia-blame-dnc-email-hack-premature). Aber das ist eher die Ausnahme.

Was sind die Fakten?

Der Hacker hat seine Ankündigung vom Juni wahr gemacht: Wikileaks haben 20.000 entsprechende Emails veröffentlicht. Hillary Clintons Wahlkampfmanager, Robby Mook, erklärte unmittelbar darauf im Fernsehen, verantwortlichen für den Einbruch und die Veröffentlichung seien „die Russen, um Donald Trump zu helfen“. „Experten“ hätten ihm diese Informationen gegeben, die aber weder zu diesem Zeitpunkt, noch irgendwann später benannt wurden. Die Firma „Crowd Strike“ wollte ihr zweifelhaftes Images vermutlich nicht noch stärker belasten (s. http://www.cwipperfuerth.de/2016/06/18/wieder-einmal-die-russen/)

Die Nachrichtenagentur „Reuters“ berichtete, Vertreter der US-Regierung sowie der „Demokratischen Partei“ besäßen keinerlei Belege, dass die Veröffentlichung in irgendeiner Weise mit Russland in Verbindung stehe (http://www.reuters.com/article/us-usa-cyber-russia-policy-idUSKCN10C3BI). Es ist gleichwohl nicht ausgeschlossen, das tatsächlich russische Hacker am Werk waren, womöglich sogar im Auftrag der Führung.

Was spricht für diese Version?

  1. Hacker veröffentlichten wiederholt vertrauliche und delikate Emails oder etwa Telefonmitschnitte russischer Oppositioneller, um diese in ein schlechtes Licht zu rücken. Die Verantwortlichen standen den russischen Nachrichtendiensten offensichtlich zumindest sehr nahe.
  2. Eine Präsidentin Clinton würde gegenüber Russland eine härtere Linie fahren als Obama und vermutlich Trump. Sie tritt nachdrücklich für eine robuste Unterstützung demokratischer bzw. US-freundlicher Oppositioneller und Regierungen ein. Clinton hat den zögernden Obama 2011 erst davon überzeugt, in Libyen einzugreifen. Obama war zudem gegenüber Waffenlieferungen an die Ukraine immer skeptisch, da dies den Konflikt nur anheizen, aber nicht lösen könnte. Präsidentin Clinton würde vermutlich anders entscheiden. Der Kreml besitzt aus seiner Sicht gravierende Gründe, eine Amtsübernahme Clintons verhindern zu wollen.

Russische Hintergründe des „Leaks“ sind somit möglich, aber nicht wahrscheinlich. Es ist zumindest unverantwortlich, diese als sicher darzustellen, wie dies häufig in den Medien geschieht und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Die Veröffentlichungen waren unangenehm für Clinton, aber kaum dazu geeignet einen wesentlichen Einfluss auf die Wahlen auszuüben. Eine Verantwortung des Kremls würde Clintons ohnedies angespannte Beziehung zu Russland aber weiter belasten. Die Hintergründe des Einbruchs in den Server der „Demokraten“ könnten nach Ansicht Edward Snowdens von US-Nachrichtendiensten aufgedeckt werden. Aber erst nach einer langwierigen Untersuchung, die es noch nicht gegeben hat, die in Anbetracht der Relevanz des Vorgangs jedoch zu erwarten ist. Insofern wäre es höchst unklug, – und somit noch unwahrscheinlicher – dass russische Dienste involviert waren.
  2. Die angeführten Belege für Russlands Verantwortung sind mehr als dünn: So hatten sich die Hacker selbst als „Extravaganter Bär“ („Fancy Bear“) bzw. „Kuschliger Bär“ („Cozy Bear“) bezeichnet. Zudem sollen – auch auf Anhieb – kyrillische Buchstaben gefunden worden sein. Russische Profis hätten wohl kaum diese Spuren hinterlassen. Die genannten, allzu offensichtlichen Indizien könnten auch von Hackern in San Francisco oder etwa Shanghai stammen. Selbst russische Oppositionelle betrachten die Beschuldigung des Kremls gewöhnlich als weit hergeholt bis abwegig.

Warum aber wurde diese wenig überzeugende Version in die Welt gesetzt, dass Russland verantwortlich sei?

Der Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders hat der Parteizentrale der US-Demokraten wiederholt vorgeworfen, seine Arbeit aktiv zu bekämpfen. Die veröffentlichten Emails geben ihm Recht. Die Führung der Demokraten und Clinton versuchen hiervon abzulenken, indem sie ein angebliches massives Eingreifen des Kremls in den Wahlkampf thematisieren.

Sanders stellte sich nach langem Zögern hinter Clinton, die zu den unpopulärsten Präsidentschaftskandidaten in der Geschichte der USA gehört. Er möchte eine Präsidentschaft Donald Trumps verhindern.

Die hiesigen Medien machen wieder einmal keine gute Figur.